Er ist gestorben, wie man in früheren Zeiten starb: In seinem Haus in Berlin-Dahlem, im Kreise der Großfamilie, alle fünf Söhne, auch der aus Südamerika, und die einzige Tochter sowie sämtliche Enkel waren anwesend.

So starb früher das Oberhaupt einer Sippe auf dem Lande. Aber Hellmut Becker war nicht der Besitzer großer Ländereien, sein Reich war der Bereich des Geistes, und dementsprechend weitgespannt war der Bogen seiner Interessen und Aktivitäten. Er war hochgebildet, von unbeirrbarer Liberalität, musisch interessiert und mit Vergnügen provokant.

Überall, wo er Spuren gelegt und hinterlassen hat, wird man seiner jetzt in herzlicher Freundschaft, mit großer Achtung und echter Trauer gedenken: bei der Max-Planck-Gesellschaft, deren Institut für Bildungsforschung er gründete und fast zwanzig Jahre als Direktor geleitet hat, beim Deutschen Volkshochschulverband, dessen Präsident er lange Zeit gewesen ist, bei der Deutschen Gesellschaft für Europäische Erziehung, bei der Geschwister-Scholl-Stiftung in Ulm, die er mitaufgebaut hat, bei dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt, der Zoologischen Station in Neapel und natürlich bei den vielen Schulen und Landerziehungsheimen, die er beraten hat.

Seine nie versagende Neugier hat ihn in immer neue Bereiche geführt, Bildung im weitesten Sinne, das war es, was ihn umtrieb und ausfüllte. „Öffnung des Bildungswesens für alle“, lautete seine Devise, aber nicht zur Entfaltung der Persönlichkeit um ihrer selbst willen, sondern es gehe, so meinte er, „darum, die Befähigung zum Handeln in dieser Welt vorzubereiten“.

Hellmut Becker war ein universeller Geist, der allenthalben, auch in Israel, seine Spuren hinterlassen hat. Er war ein großer Anreger und ein unermüdlicher Kämpfer, wenn es darum ging, bürokratische Hemmnisse oder veraltete Vorstellungen beiseite zu räumen, um neuen Perspektiven zum Durchbruch zu verhelfen.

Schon in den fünfziger Jahren hat er gemeinsam mit seinen Freunden Carl Friedrich von Weizsäcker und Georg Picht entscheidenden Einfluß auf die Bildungspolitik genommen; die Arbeit des Deutschen Bildungsrates wäre ohne ihn nicht denkbar gewesen. Sein Aufsatz „Die verwaltete Schule“ und Pichts Kampfesruf von der „Bildungskatastrophe“ haben damals Freunde und Gegner auf den Plan gerufen und eine Diskussion entfesselt, die bis heute nicht beendet ist.

Immer hat er sich bemüht, Politik und Kultur nicht getrennt zu betrachten, sondern als eine natürliche Einheit zu behandeln. Das Grundmotiv seiner Bemühungen war Aufklärung, Freiheit von traditionellen Fesseln, Kampf gegen unreflektierte Autorität und das Bemühen, die Bereitschaft zum Handeln zu fördern.

Wer während eines halben Jahrhunderts mit diesem liberalen Feuerkopf befreundet war, kann sich schwer vorstellen, wer an seine Stelle treten wird. Marion Dönhoff