Man traut den eigenen Augen kaum: Steht im Programm des "Igor-Stravinsky-Ballettabends" von Uwe Scholz an der Oper Leipzig wirklich "Uraufführung" hinter dem vor einem halben Jahrhundert komponierten Musikstück? Ausgerechnet ein 15-Minuten-Werk mit dem Titel "Seines de Ballet", das Stravinsky als Auftragswerk für eine Broadway-Revue geschrieben hat, ist als Ganzes nie getanzt worden.

Und wie leicht, wie broadwayhaft flink und witzig stellen der Leipziger Choreograph und seine fünf Paare die Szenen auf die fast leere Bühne, wo selbst das von Scholz entworfene Bühnenbild mit seinen auf und ab fahrenden Vorhang-Balken vor heller Rückwand zu tanzen scheint. Wir sehen die Tänzer wie im Schattenriß, mal nur die Köpfe, mal nur die Füße – und auch, wie im Panoptikum, Köpfe ohne Unterleib, Beine ohne Kopf. Ein Tanzwirbel der Verführung, mit einem rauchenden Vamp, mit einer Tänzerin, die wie ein erlegtes Wild von den Männern weggeschleppt wird.

Danach in neuer Fassung die "Sinfonie in drei Sätzen" (1945), die Scholz zum ersten Mal 1984 für Stuttgart einstudiert hat. Vor einer mit Falten, Rissen und Löchern wie zerstört wirkenden Textil-Skulptur, hinter der die Rückwand rot, grün oder gelb leuchtet, arbeiten sich Roboter-Menschen in grauen Overalls ab (Bühne und Kostüme: Rosalie; Bild auf dieser Seite). Selbst der Regenbogen, der sich über dieser in Mechanik erstarrten Welt wölbt, ist zerbrochen und glitzert metallisch kalt. Es gelingt der immer wieder überraschenden Bewegungs-Phantasie des Choreographen, die Szene zu beleben und so den Eindruck lähmender Ausweglosigkeit, den die hämmernde Musik weckt, mit einem auf Tempo trainierten Ensemble in die Heiterkeit des Artifiziellen zu wenden.

Zum Schluß eine Wiederaufnahme des 1986 in Zürich für Vladimir Derevianko geschaffenen "Feuervogels". Der russische Tänzer fasziniert auch in Leipzig durch den androgynen Zauber, mit dem er die Titelfigur des Märchen-Balletts in mythische Ferne und zugleich ganz gegenwärtig zu machen versteht. Dieter Schoras hat eine Sternenwelt für die Bühne geschaffen, die dem Stück den Hauch einer Science-fiction-Spielerei gibt.

Wenn am Ende die Prinzessin (Christine Jaroszewski) mit großem Gefolge auf die Bühne schreitet, Frauen in bodenlangen, weiten weißen Gewändern, dem (Leben symbolisierenden) Wasser entstiegen und also mit nassen Haaren und am Körper klebenden Kleidern, sind wir den Revue-Szenen zu Beginn des Ballettabends – und dem Kitsch – nah. Und doch hat das stille Bild, im Kontrast zu der fiebernden Musik von Stravinskys Finale, eine überwältigende Wirkung, von der sich die Leipziger nur mit einem Beifalls-Sturm (auch Buh-Geschrei für Scholz) befreien konnten.

Mit seiner fünften Premiere in zwei Jahren hat Uwe Scholz seine Aufbauarbeit beendet: Mit einem kraftvoll-elegant tanzenden Ensemble hat er Leipzig zu einer Ballettstadt gemacht. Sein glänzendes Ballett bleibt, zu Recht, von den Einsparungen (minus 8,4 Millionen im neuen Jahr) verschont. Der Ballettchef hat seine Pflicht getan, jetzt sind wir auf Neues vom Choreographen Uwe Scholz gespannt. Rolf Michaelis