ARD, dienstags: "Die Trotzkis"

Motzki" erregte die Gemüter als doppeltes Mißverständnis: Der fiese Wessi, der, obwohl selbst ein kleiner Mann, aus großer Höhe auf die "Zonendödel" spuckt, wurde als Sprachrohr seines Autors oder gar "des Fernsehens" aufgefaßt – Ironie hat’s hierzulande schwer. Hinzu kam, daß die Serie als comedy firmierte, als gesamtdeutscher Jux, wo sie nur eine lahme Versuchsanordnung war: Was geschieht, wenn jemand seine dumpfesten Vorurteile Wort und Fernsehen werden läßt? Nichts Gutes – wenn er’s macht wie Motzki. Die Serie war zum Abschalten.

Gleichwohl hatte die Idee etwas für sich. Den innerdeutschen Animositäten mußten sich doch komische Effekte abgewinnen lassen, schließlich schreit der ganze Krampf zum Himmel. Die Zonendödel fühlten sich doppelt herausgefordert: Zum einen wollten sie gern gegen die Wessis zurücktrotzen, zum anderen es besser machen, das heißt wirklich witzig sein. So schwenkte der MDR auf die Doppelschiene des "Motzki"-Mißverständnisses ein – und lief dort kläglich auf. Was Motzki in Westberlin dröge vergeigte, vermasseln die Trotzkis in Leipzig naßforsch. Offenbar ist die deutsche Einheit für die Deutschen selbst noch nicht humorfähig – jedenfalls nicht im Fernsehen.

Die sächsische Familie Trotzki besteht aus Vater Herbert, Mutter Rosa, einer – so will es das TV-Familien-Klischee – mannbaren Tochter mit überzeugenden sekundären Geschlechtsmerkmalen und einem in der Spätpubertät steckengebliebenen scheußlichen Sohn. Wenn diese pseudo-schrecklich-nette Familie auf dem Plüschsofa sitzt und schlechte Laune hat, ist das per se noch nicht komisch, das sollten auch die Autoren wissen. Irgendwas muß hinzukommen, was Trotzki-spezifisch oder wenigstens sächsisch wäre.

Außer der Wiedervereinigung, die den Zonis einen Game-Show-Gewinn beschert – und ihnen im Laufe der Serie noch reichlich versnobte Wessis ins Haus schicken wird –, ist den Erfindern der Trotzkis aber leider nichts eingefallen. Sie haben das Klischee sogar überbedient, indem sie Mutter Rosa alle fünf Minuten eine Spitze gegen des armen Herbert mangelhafte Liebhaberqualitäten abfeuern lassen – eine unglückliche Idee, denn die Olle sieht keineswegs so aus, als fehle ihr gerade "das". Sondern als sei es ihr peinlich, wenn sie auf Herberts Satz: "Ich laß nichts baumeln" antworten muß: "Schön wär’s."

"Motzki" war einen Versuch wert und ist, wenn auch nicht ehrenhaft, so doch fast zwangsläufig gescheitert: Das deutschdeutsche Affentheater amüsiert eben nicht von selber, man muß es inszenieren und wohl auch interpretieren, verfremden, stilisieren. "Die Trotzkis" wollen nun zum zweiten Mal die blanken Verhältnisse – Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit, Spießigkeit – für sich sprechen lassen, halten erwartungsvoll ostdeutsche Tristesse gegen westdeutsche Schmissigkeit und wundern sich, daß wieder nichts passiert.

Gerade wenn die Dinge in der Wirklichkeit zum Wimmern sind, muß man sie dreimal filtern und eindicken, bevor sie auf Bühne oder Schirm zünden. Das Klischee richtet hier nichts aus, es stört nur, denn es hat mit der spezifisch deutschen Situation nichts zu tun. Insofern war "Motzki" gescheiter konzipiert. Sein ostdeutsches Echo nötigt die Kritikerin, Herbert zu zitieren, der sich an seine Flitterwochen so erinnert: "Ich war froh, als ich’s hinter mir hatte."

Barbara Sichtermann