AUGSBURG. – Daran hat man sich inzwischen gewöhnt wie an Glühwein und Lebkuchen: Pünktlich zu Beginn der Adventszeit starten Zeitungen ihre Weihnachtsaktion. Redaktionell mal mehr, mal weniger liebevoll begleitet, werden jene Menschen dem Leser nahegebracht, die das Jahr über kaum im Blatt aufgetaucht sind – weil sie an Orten leben, wo auch Lokalredakteure nicht gern hingehen. Zu Weihnachten dann werden alle Ecken und Winkel der sozialen Not penibel ausgeleuchtet, und bewegend samariterhaft klingen die Titel dieser Kampagnen: "Freude für alle", "Adventskalender für gute Werke", oder wie sich die saisonal aufflackernde Mildtätigkeit sonst noch nennt. Nach den Feiertagen wird das Sammelergebnis veröffentlicht, den Spendern gedankt, gelegentlich druckt man auch die Namen der Wohltäter ab, und das war’s auch schon: Zusammen mit den abgenadelten Weihnachtsbäumen werden die übriggebliebenen Zahlkarten eingestampft – vorbei die Nächstenliebe.

Bei der Augsburger Allgemeinen wurde dieser Mangel offenbar besonders stark empfunden. Anfangs machte man auch dort die üblichen Erfahrungen; zudem war die erste spontan gestartete Sammelaktion zu Weihnachten, Anfang der sechziger Jahre, mit insgesamt 16 000 Mark "Einspiel"-Ergebnis nicht der ganz große Knüller. Jedenfalls entschloß sich der Verlag schon nach kurzer Zeit, nicht zu kleckern, sondern zu klotzen, und institutionalisierte die Spendenfreudigkeit seiner Leser in Form eines gemeinnützigen Hilfswerks. Der Name fiel mit "Kartei der Not" zwar reichlich buchhalterisch aus – doch jedenfalls gab es nun eine offizielle Anlaufstelle für alle Spender. Und sie war – das ist bis heute eine rühmliche Ausnahme – das ganze Jahr hindurch in Aktion.

"Not kennt keine Jahreszeit", stellt Wilfried Höhnke, Redakteur der Zeitung, sachlich fest. Er betreut den Fonds zusammen mit einem Kuratorium, in dem auch die Verlegerin der Augsburger Allgemeinen‚ Ellinor Holland, sitzt. "Die Rentnerin, die im Sommer nicht weiß, wie sie ihre Heizkostenabrechnung bezahlen soll, kann nicht bis zur Weihnachtsaktion warten – da ist sie nämlich schon aus der Wohnung rausgeflogen."

Schnell und unbürokratisch hilft die Kartei der Not – und, wo dies gewünscht wird, auch diskret. Sie "anonymisiert" die Not, wie Höhnke das nennt, und für viele Empfänger ist das eine Voraussetzung, daß sie Hilfe überhaupt annehmen können. Die würden einen Hunderter vom Nachbarn stolz ablehnen, erzählt der Spendenverwalter, "doch wenn’s von uns kommt, von der Zeitung und über die Kartei der Not, dann nehmen sie’s". In diesem Zusammenhang hat man beim Hilfswerk die Erfahrung gemacht, daß Ausländer ihr Elend besonders gut tarnen. Sie bitten nur um Unterstützung, wenn es gar nicht mehr anders geht – so sie es denn überhaupt tun.

Wie aber weiß die Kartei der Not überhaupt von denen, die ihre Hilfe brauchen? Zum einen natürlich aus den Lokalausgaben der Augsburger Allgemeinen und der damit assoziierten Allgäuer Zeitung, zum anderen über ein dicht geknüpftes Netz von "Vertrauensleuten": Sozialarbeiter, Altenpfleger, Pfarrer, die mit dem Presse-Hilfswerk kooperieren.

Geholfen wird im gesamten Verbreitungsgebiet der Zeitung, wobei das Projekt in der allernächsten Umgebung, in der Heimat, besonders verwurzelt ist. Das hat mit der nicht gerade sprichwörtlichen Spendabilität der Schwaben zu tun, die schnell nachläßt, wenn die Not in ferneren Regionen zu Hause ist.

Wahr ist auch, daß sich viele Spender "den sauberen, netten Notfall" wünschen, wie Wilfried Höhnke spöttisch anmerkt. Das führt in dem einen oder anderen Fall auch schon mal dazu, daß man ein Schicksal leicht retuschiert ins Blatt rückt. Da wird dann bei einer Familie nur ganz dezent vermerkt, daß sie als Spätaussiedler nach Deutschland gekommen ist. Die Helfer wissen: Ein zu deutlicher Hinweis wirkt auf manche Spender geradezu lähmend. "Als Journalist habe ich immer eine Gruppe, die ich nicht erreiche", rechtfertigt Wilfried Höhnke, der bei der Augsburger Allgemeinen außerdem die Wochenendbeilage leitet, diese Praxis. "Aber wenn’s um Spenden geht, da will ich einfach hundert Prozent bekommen."