Von Ulf Grüner

Die ersten 30 000 Exemplare waren nach zehn Tagen ausverkauft, der Nachdruck (15 000 Stück) in drei Tagen; die zweite Ausgabe startete jetzt gleich mit 120 000 Heften und 32 statt 28 Seiten Umfang – Hamburgs neues Straßenmagazin Hinz & Kunzt erlebte einen Start, von dem selbst seine Macher nicht zu träumen wagten. Denn Hinz & Kunzt ist anders, sagt der verantwortliche Redakteur Ivo Banek: keine Lifestyle-Geschichten auf Hochglanzpapier, dafür Kunst und Kultur für viele; Geschichten über Menschen, "die etwas machen und sich nicht nur was Schickes anziehen"; und Obdachlose, die sich einmischen. Gemeinsam mit Journalisten, Photographinnen, Layoutern und dem Diakonischen Werk stellen sie das Stadtmagazin auf die Beine. Den Vertrieb organisieren sie selbst. 202 Wohnungslose verkaufen die Hefte zum Preis von 1,50 Mark, eine Mark ist für den Verkäufer. Ab Januar sollen monatlich vierzig Seiten gedruckt werden, davon ein Dutzend Service-Seiten ("Wohin in Hamburg?") und sechs bis acht Seiten Anzeigen Nun hätten die Hamburger Geschäfte gesehen, daß Hinz & Kunzt kein "Schmuddelblatt" sei, und würden sich wohl auch mit Anzeigen engagieren, sagt Banek. Er war bis vor kurzem Redakteur beim Evangelischen Rundfunkdienst Nord und arbeitet jetzt als freier Journalist für ein Hamburger Privatradio und für Hinz & Kunzt.

Der Erfolg dieser Zeitung zeigt sich nicht nur in den Zahlen, etwa den 100 000 Mark an Spenden, den vielen Einladungen zu Weihnachtsfeiern und Kirchenbasaren, den zehn obdachlosen Zeitungsmitarbeitern, die eine Wohnung bekamen, den vielen anderen, die sich vom Verkaufserlös wenigstens in den kalten Nächten mal ein Hotelzimmer leisten konnten. "Die Obdachlosen sind mit einem anderen Selbstbewußtsein unterwegs; die sagen Jetzt kann ich den Leuten wieder in die Augen sehen‘ und ‚Wir sind nicht mehr der letzte Dreck‘. Auch die Passanten nehmen Obdachlose ganz anders wahr", erzählt Banek.

In Hamburg gebe es wohl ein "Gefühl dafür, daß es fair ist, Menschen eine Chance zu geben, wieder auf die Beine zu kommen", sagt Stephan Reimers, Landespastor und Leiter des Diakonischen Werkes Hamburg. Er hatte das Zeitungsprojekt angeregt, für eine kirchliche Anschubfinanzierung von 50 000 Mark und für Büroräume in der Innenstadt gesorgt. Vorbild ist die britische Obdachlosenzeitung The Big Issue. In München ist inzwischen parallel zu Hamburg ein Projekt namens Biss (Bürger in sozialen Schwierigkeiten) entstanden, ohne kirchliche Unterstützung. Gedruckt auf gespendetem Hochglanzpapier will Biss alle drei Monate "Sprachrohr der Betroffenen" sein, sagt Chefredakteur Klaus Honigschnabel. Auch Biss verkauft sich gut, besonders auf dem Münchner Christkindlmarkt. Im Januar soll die zweite Ausgabe mit einer Auflage von 40000 Stück erscheinen; Schwerpunktthema wird die Beratung von verschuldeten Bürgern sein.

Hamburgs Diakoniechef Reimers wünscht sich weitere Nachahmer in Deutschland: "Warum nicht auch in Berlin?" Die verschiedenen Blätter könnte man "vernetzen und Artikel austauschen". Er beschreibt das Projekt als "Bestandteil unserer Sozialarbeit. Damit können wir Wohnungslosen eine konkrete Möglichkeit zum eigenen Engagement anbieten." Reimers möchte Hinz & Kunzt zu möglichst viel Selbständigkeit verhelfen. Dabei solle der starke Einfluß von "Oase", der Selbsthilfegruppe für Wohnungslose, erhalten bleiben. Dazu aber braucht die Zeitung mehr Anzeigen und weiterhin Sponsoren.

Auch inhaltlich soll das Stadtmagazin Profil gewinnen, sagt Redakteur Ivo Banek: "Im Moment wird die Zeitung gekauft, weil sie Obdachlosen zugute kommt. Aber in ein paar Monaten muß das Blatt an sich genug bieten, daß man es kauft und gerne liest." Neben Service und Kultur will Banek Geschichten drucken, die viele Hamburger angehen, wie zum Beispiel zum Thema "Wohnen und Mietrecht". Und zum Profil gehörten unbedingt die Beiträge der Obdachlosen selbst; denn Hinz & Kunzt sei nicht nur eine Zeitung, mit der Wohnungslose Geld verdienen können, sondern in der sie auch selbst zu Wort kämen – "ohne das typische Gejammere; denn hier sind die Obdachlösen nicht bloße Objekte des Mitleids, sondern Menschen mit Gesichtern", sagt Banek. Jeweils etwa drei Seiten stehen dem Zeitungsteam der "Oase" zur Verfügung.

In einer Schreibgruppe sichten und bearbeiten Journalisten und Obdachlose gemeinsam die Zuschriften. Dann wird auch schon mal heftig diskutiert, ob ihre Texte kämpferisch und provozierend sein dürfen. Das Ergebnis: Sie dürfen.

Auch Aise hat nach acht Jahren ohne Wohnung wieder Hoffnung. Sie schreibt in der Dezemberausgabe: "Jetzt habe ich einen neuen Versuch gestartet. Ich bin Verkäuferin bei Hinz & Kunzt und neugierig, ob das so gut weitergeht, wie es angefangen hat."