Sie sind ganz unten auf der Leiter des Lebens und der Skala des sozialen Prestiges, und auf dem Marsch in die Zweidrittelgesellschaft wächst ihre Zahl von Tag zu Tag: die Obdachlosen.

Rund 150 000 Menschen sind – nach vorsichtigen Schätzungen – in Deutschland derzeit ohne Wohnung. Sie leben auf der Straße, schlafen auf Parkbänken, in Rohbauten, Bahnhöfen, schrottreif abgestellten Autos. Zuweilen auch in Obdachlosenheimen, im Jargon der Bewohner "Läusepensionen" genannt.

Die Ursachen der Obdachlosigkeit sind vielfältig. Das Standardmuster gebrochener Lebenskarrieren – Scheidung, Arbeits- und Wohnungsverlust – wird zunehmend abgelöst durch Faktoren, die ihren Ursprung in veränderten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen haben. Dies deutlich zu machen ist unter anderem das Verdienst der Dokumentation von Renate Drommer.

Es handelt sich um eine nahezu kommentarlose Zusammenstellung von Gesprächsprotokollen, die ihre innere Spannung aus dem Umstand gewinnt, daß sowohl die Hilfebedürftigen zu Wort kommen als auch diejenigen, die ihnen freiwillig oder von Amts wegen zu helfen versuchen.

Ein Beispiel von vielen: Der 35jährige Versicherungsvertreter, der seinen Abstieg in die Obdachlosigkeit in dem lakonischen Satz zusammenfaßt: "Ehe kaputt, Arbeit weg, Wohnung weg" und dessen Bemühen, wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, an der Forderung der Behörden scheitert, einen festen Wohnsitz anzugeben. "Ein Obdachloser kann keine feste Adresse angeben." Seine Feststellung korrespondiert mit der Aussage des Stadtrats für Soziales im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg: "Wir können kaum jemanden benennen, der aus der Obdachlosigkeit heraus eine Arbeit gefunden hat."

Dramaturgisch geschickt hat sich Renate Drommer auf einen Brennpunkt der Obdachlosenszene in Berlin konzentriert – die Suppenküche des Franziskanerordens im Ostberliner Stadtteil Pankow. Noch dramatischer als in den alten Bundesländern ist in den vergangenen Jahren die Obdachlosigkeit auf dem Gebiet der ehemaligen DDR gestiegen. Einer der Gründe: In der DDR hatten Mietschulden praktisch keine Bedeutung. Wer die Miete nicht bezahlen konnte, wurde dennoch nicht auf die Straße gesetzt. Dies ist im vereinten Deutschland anders. Dennoch leben im Osten Deutschlands noch immer nicht wenige nach der "alten DDR-Mentalität": Uns kann nichts passieren. Ein Irrtum mit oft bitteren Folgen.

Auffallend in Ost wie West: die zunehmende Zahl jugendlicher Obdachloser. Fehlende Ausbildungsplätze, leichtfertiges Konsumverhalten, Überschuldung – eine unheilvolle Mixtur sozialer und gesellschaftlicher Komponenten, die nicht selten auf kürzestem Weg auf "die Platte", das Leben auf der Straße, führt.