Andere mögen Helmut Schmidt, den vormaligen Bundeskanzler, anläßlich seines 75. Geburtstags am 23. Dezember aus dem Abstand zur Amtszeit wie zur Person würdigen. Dem Kollegium der ZEIT ist eine solche Unbefangenheit und Distanz nicht möglich: Der Mitherausgeber ist uns näher als die Erinnerung an seine Kanzlerschaft in den Jahren von 1974 bis 1982. Für uns gibt es nur eine angemessene Form, jemanden aus unserem Kreis zu würdigen: indem wir die Fragen, die er allen anderen stellt, ernst nehmen. Daher dieses Symposium über die Krise der Demokratie, dessen Ertrag wir in dieser Ausgabe und den beiden folgenden veröffentlichen: über den Wandel der Werte, den Zustand der politischen Klasse und schließlich über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Abschließende Würdigungen sind ohnedies noch bei weitem nicht angebracht. Helmut Schmidt – der Politiker. Wer wollte das letzte Wort dazu schon jetzt sagen? Als Schmidt am 1. Oktober 1982 aus dem Amt schied, mochte mancher, mochte auch er sich fragen, was von seiner Kanzlerschaft bleiben werde. Schon gar im Vergleich zu Willy Brandt. Der Macher und sein Krisenmanagement, was mochte das wiegen gegenüber dem visionären Zugriff seines Vorgängers? Doch das Jahrzehnt danach hat die Maßstäbe deutlich verschoben – hin zu mehr Gerechtigkeit. Nicht nur, daß nach der Wiedervereinigung kritische Fragen an die Ost- und Deutschlandpolitik gestellt wurden – auch das vormals eher geringgeschätzte Regieren im Geiste des Pragmatismus, Schritt für Schritt also, hat an Kurswert gewonnen. In den Turbulenzen des Einigungsprozesses sehnte sich mancher nach den Hoch-Zeiten des Krisenmanagements zurück.

Helmut Schmidt – der Publizist. Seine Artikel und Diskussionsbeiträge widerlegten stets das Klischee vom "Macher". Eher, wenn dies nicht selbst wiederum ein Etikett wäre: ein Moralist. Die Gegensätze zwischen dem politischen Kopf und den journalistischen Temperamenten waren auch im Kollegium der ZEIT zu spüren. Aber für uns wurden sie fruchtbar. Weil Helmut Schmidt den weltpolitischen Weitblick verbindet mit der Kraft zur elementaren Reduzierung politisch komplizierter Sachverhalte auf das Wesentliche. Und weil Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn aufeinander angewiesen bleiben.

Schließlich, Helmut Schmidt – der Patriot. In den kommenden Jahren will er seine Arbeit vor allem dem Aufbau der von ihm initiierten Deutschen Nationalstiftung mit Sitz in Weimar widmen. Diese Stiftung will dem inneren Einigungsprozeß voranhelfen und verhindern, daß die Frage der Nation ein weiteres Mal in unserer Geschichte von den falschen Geistern beherrscht wird.

Unsere Glückwünsche gelten dem Zeitgenossen Helmut Schmidt – und dem, was er sich vorgenommen hat. R.L.