Jede Religion hat ihren Mythos, ihre Endzeitvision, ihren geheimnisvollen Ort, der all das birgt, was als ewige Menschheitssehnsucht lebendig ist: Schönheit, Frieden, Freiheit. Shambhala, so nennen die Buddhisten diesen Ort, den man auf der Landkarte vergeblich sucht. Dennoch gibt es heilige Bücher im fernen Tibet, die den Weg dorthin beschreiben, den Suchenden aber auch anhalten zur Innenschau. Denn nur wer sein Ich vergessen kann, wird in Shambhala ankommen.

Die Münchener Filmemacherin Susanne Aernecke hat sich zusammen mit Michael Görden (für Buch und Kommentar verantwortlich) auf den Weg in die Mongolei gemacht, um einen Shambhala-Pilger zu finden und so ein wenig Licht in das Geheimnis zu bringen. Wie in Tibet wurden die Buddhisten auch in der Mongolei verfolgt, ihre Klöster zerstört, ihre Lehre verboten. Gorbatschows Perestrojka brachte den Wandel: Jetzt gibt es, zumindest in Ulan Bator, wieder Hunderte von Schülern, die das wiedererrichtete Kloster mit ihren Gesanges, Gebeten und Klangzeremonien beleben.

Auch Lama Zagdsuren, ein "weiser Lehrer", gehört diesem Kloster an. Das Filmteam begleitet ihn durch die Steppe der Mongolei, den Sand der Wüste Gobi, über die Berge des Himalaya bis nach Indien. Die Anstrengung, die jeder Schritt durch den Wüstensand, jeder Felsaufstieg, das Durchqueren wilder Flüsse bedeutet, kann der Zuschauer nur ahnen. Die Weite der Steppe, die mächtigen, aufgeschichteten Felsen, die Berggipfel, all das kann er sehen und seinem eng gewordenen Blick Raum geben und Zeit, um in eine andere Welt einzutauchen.

Das große Geheimnis Shambhala enthüllt sich für die Filmemacherin in einem indischen Tal, im Haus des 1947 verstorbenen russischen Malers Nicholas Roerich, der seine Visionen vom irdischen Paradies in unwirklich durchscheinenden Farben auf seine Gemälde zauberte. Lama Zagdsuren aber ist noch nicht angekommen. Bodhgaya, der Ort, an dem Buddha sein Luxusleben aufgab und unter einem Feigenbaum erleuchtet wurde, ist sein äußeres Ziel. Mit der Erkenntnis, daß jede endgültige Wahrheit eine Illusion ist. Shambhala somit ein Traum, hat er auch sein inneres Ziel erreicht.

"Shambhala", als Fernsehfilm konzipiert, kommt jetzt in unsere Kinos: ein Film, der Anregung ist für alle Sinne.

Anne Frederiksen