Von Wilfried Kratz

Was tun mit Tantchen? Brauchen wir noch die betagte Dame, deren Unterhalt jeden ihrer Freunde und Feinde 83 Pfund (212 Mark) im Jahr kostet, oder können die unternehmungslustigen Enkel und Neffen ihre Aufgaben kostenlos übernehmen? Kann man, soll man der behäbigen und gelegentlich selbstgerechten Dame eine Schlankheitskur verordnen, damit sie eine neue reduzierte Rolle spielen kann, für die alle weiter ihren Beitrag zahlen? Diesen Fragen sieht sich in Großbritannien die Rundfunk- und Fernsehinstitution BBC ausgesetzt, der immer noch der Name auntie (Tantchen) anhängt. Kein Gericht untersucht die Frage, ob denn die Fernsehgebühr rechtens ist. Das wäre nicht die britische Art. Auf der Insel wird eine Diskussion eröffnet und dann politisch entschieden.

Wenn man im Ausland von Rundfunk und Fernsehen in Großbritannien spricht, dann denkt man schnell an die BBC. Nicht nur ist die British Broadcasting Corporation – in ihrer jetzigen Verfassung seit 1927 – eine der ältesten Organisationen dieser Branche mit ungebrochener Geschichte. Ihre weitgehende Unabhängigkeit und ihre journalistische Leistung geben ihr eine besondere Ausstrahlung im Ausland, wo für sie das Medium der englischen Sprache ein unschätzbarer Vorteil ist. Zu Hause ist sie immer noch eine nationale Institution, von der ein besonders hoher Standard erwartet wird und an deren Leben und Wirken die Briten besonderen Anteil nehmen, zumal sie das vertraute Tantchen mit der steuerähnlichen Gebühr von 212 Mark im Jahr finanzieren.

Die Präsenz der BBC am elektronischen Markt ist immer noch beträchtlich. Die Briten, die fast vier Stunden am Tag in die Röhre schauen, geben der BBC mit ihren beiden nationalen Programmen einen Marktanteil von immer noch etwas über vierzig Prozent. Und die Hörer schalten für sechzig Prozent ihrer Radiozeit auf eines der fünf nationalen und fast vierzig lokalen Programme und Stationen der BBC.

Aber längst hat die BBC nicht mehr die einzigen Artikel im elektronischen Supermarkt. Vor fast vierzig Jahren startete das allein aus Werbeeinnahmen finanzierte private – die Briten sagen: kommerzielle Fernsehen. Später wurde privater Rundfunk zugelassen. Die politischen Kontrolleure in Regierung und Parlament erlaubten Wettbewerb, regulierten ihn mit Gesetzen und Aufsichtsgremien in einer dem Land eigenen behutsamen Weise. Bis in die späten achtziger Jahre war Großbritannien ein 4-Knopf-Fernsehland: BBC 1, BBC 2, der regionale, in ein nationales Netz eingeflochtene ITV-Kanal (Anteil vierzig Prozent) und Channel 4 (zehn Prozent). Aber Kabel und Satellit blieben auch der Insel nicht fremd und haben nun einen Anteil von über fünf Prozent.

Die Regierung Thatcher verband die Möglichkeiten der technischen Umwälzung mit freimarktwirtschaftlicher Ideologie. Sie setzte vor vier Jahren die Branche in Unruhe und gespannte Erwartung, als sie eine Entfesselung der Marktkräfte ankündigte. Das dann folgende Gesetz regelte die Versteigerung der Ende 1992 auslaufenden regionalen Sendelizenzen an den Höchstbietenden. Dies hatte bizarre Ergebnisse. So konnte eine Gesellschaft ihre Lizenz praktisch kostenlos erneuern, weil sie richtig darauf spekuliert hatte, daß kein Konkurrent mitbieten würde. Für eine andere Lizenz bot eine Gesellschaft eine astronomische Summe in der falschen Annahme, daß die übrigen Bewerber sehr hohe Schecks in ihre Umschläge legen würden. Bei einer dritten Lizenz wurde ein Angebot nicht zugelassen, weil die vergebende Stelle meinte, der Bewerber habe zuviel geboten. Denn entweder könne er die Versprechungen nicht halten, oder er gehe bankrott.

Inzwischen hat sich das Scheinwerferlicht des öffentlichen Interesses auf die BBC gerichtet. Denn in drei Jahren läuft die Royal Charter ab, sozusagen das Grundgesetz der BBC, und somit erhebt sich die Frage: Was tun mit dem Tantchen? Der zuständige Peter Brooke, der den schönen Titel Minister for National Heritage trägt und auch für das kulturelle Erbe namens BBC verantwortlich ist, tat das in solchen Fällen Übliche und warf ein Konsultationspapier mit Fragen über Fragen auf den Markt. Sie reichen von den Zielen der Anstalt über Aufgaben, Programme, Organisation, Finanzierung und Aufsicht und Kontrolle. Zur Zeit sichtet Brooke die Antworten. Er will 1994 ein Weißbuch vorlegen, das Grundlage für ein Gesetz oder eine neue Charter wäre.