Wenn Bonn nicht bald klare Signale setzt, droht die Krise in der Rüstungsindustrie unkalkulierbare Ausmaße anzunehmen. Alte Bundeswehr-Aufträge laufen aus, neue sind fraglich geworden oder werden gestreckt. Der Verteidigungsminister hat kein Geld mehr. Um die deutsche Wehrwirtschaft am Leben zu erhalten, empfehlen mittlerweile sogar Sozialdemokraten vereinzelt eine – wenn auch fragwürdige – Entlastungsoffensive: Eine Lockerung der strengen Exportverbote soll der Industrie dazu verhelfen, auf Auslandsmärkten wettzumachen, was ihnen daheim im Waffengeschäft verlorengeht.

Höhen und Tiefen hat die Branche zuvor immer wieder durchlitten; sie sind ohnehin branchenbedingt. Zwischen der Einführung neuer Waffen, die notabene zügig vonstatten zu gehen hat, und ihrer späteren Ausmusterung liegen beinah zwei Jahrzehnte – erst dann kann es dank neuen Bundeswehr-Bedarfs wieder boomen. Weil die militärischen Fertigungsstraßen für Panzer und Kanonen nicht einfach per Knopfdruck auf zivile Produkte umgestellt werden können, stehen die Unternehmen, die sich auf dieses Geschäft mit dem Staat eingelassen haben, notgedrungen immer mal wieder vor einer Durststrecke.

Aber so dramatisch wie gegenwärtig war die Lage noch nie. Die Ost-West-Entspannung, jahrzehntelang herbeigesehnt, setzt diesem Industriezweig mächtig zu. Die Bundeswehr hat ihren Beschaffungsetat seit Ende der achtziger Jahre nahezu halbiert. Das Personal der wehrtechnischen Industrie steht vor einer Auszehrung; die Beschäftigtenzahl wird von rund 200 000 Mitarbeitern auf unter 100 000 sinken. Die Dasa, das größte Rüstungsunternehmen der Republik, das Daimler-Konzernchef Edzard Reuter mit der Übernahme von MBB, MTU und Dornier zusammengebaut hat, will ganze Unternehmensbereiche abstoßen. Schon wird die Wehrtechnik des Unternehmens ganz in Frage gestellt.

Überraschen kann diese Zuspitzung nicht. Daß die Bundeswehr – West plus Ost – aufgrund der Abrüstungsvereinbarungen um vierzig Prozent kleiner würde, war gewollt und ist zudem seit mehr als drei Jahren bekannt. Die Hoffnung der Unternehmen, sie würden den Wandel aus eigener Kraft schaffen, hat sich als Illusion erwiesen. Konversion, das Zauberwort für die Friedensdividende, trägt nicht.

Nun zeichnet sich sogar weiterer Aderlaß ab. An dem für 1994 ohnedies schon auf knapp 49 Milliarden Mark geschrumpften Wehretat (1989: 53,2 Milliarden) muß wenige Wochen nach der Verabschiedung des Gesamthaushalts erneut der Rotstift angesetzt werden. Eine Kürzung um bis zu 2,4 Milliarden Mark ist im Gespräch. Als der Verteidigungsminister die Hiobsbotschaft Anfang Dezember erfuhr, vertagte er vorsorglich die Entscheidung darüber, wie der Bundeswehr-Plan fortgeschrieben werden soll. Was gestern noch zur Sicherstellung des Verteidigungsauftrags unerläßlich schien, ist heute obsolet.

Letzte Woche zog der Verteidigungsminister die Notbremse. Für den Fall, daß der Verteidigungsetat erneut "Sonderopfer" bringen müsse, drohte er die Stillegung von Flugzeugen und Schiffen an, dazu einen weiteren Truppenabbau von 370 000 auf 350 000 Mann.