Henri Nannen hat noch einmal den Beruf gewechselt, ehe wir ihm am 25. Dezember als großem Journalisten zum 80. Geburtstag gratulieren konnten. Der Gründer und jahrzehntelange Chefredakteur des stern ist seit 1986 Leiter einer Kunsthalle in seiner Heimatstadt Emden. Aber dies trifft nur die halbe Wahrheit: Nannen ist sehr spät in seinen gelernten Beruf des Kunsthistorikers zurückgekehrt. Und das Emdener Kunstmuseum, wie sollte es anders sein, hat er selbst geschaffen wie einst bald nach Kriegsende seinen stern. Der Erfolg ist ihm bis heute treu geblieben.

Es muß wohl schwierig gewesen sein, mit oder gar unter diesem genial begabten Mann zu arbeiten. Mit ihm befreundet zu sein und gelegentlich mit ihm zu streiten ist immer eine Freude. Das Herz des Ostfriesen ist so groß wie seine Statur. Er hat es stets nach außen geöffnet, tat viel Gutes, rühmt sich dessen gern. Aber er hat es auch nach innen gewendet; wer ihn kennt, weiß, daß er ohne Arg und voller Zutrauen für die Menschen ist, die ihm nahestehen. Ob er wohl das Wort "Sir Henry" – so nannten ihn die Kollegen – für sich akzeptieren würde? Wenn er dafür ein Bild für seine Sammlung bekäme, sicher. Aber seinen Vater und dessen proletarische Herkunft als Bahnarbeiter würde er deshalb nicht verleugnen.

Henri Nannen hat die Affäre um die Hitler-Tagebücher noch in der rtem-Redaktion erlebt. In einer internen Untersuchung, die der verstorbene frühere Justizsenator Klug vorgenommen hat, wurde Nannen vom Vorwurf persönlicher Verantwortung entlastet. Er hatte einer "unkommentierten und unrelativierten Veröffentlichung" widersprochen, die Fälschung der angeblichen Hitler-Texte aber ebensowenig erkannt wie seine Redaktionskollegen. Deshalb wollte er auch den Freispruch nicht akzeptieren: "Hätte ich meinen Vorstandsposten unter Protest niedergelegt, wäre die Veröffentlichung unterblieben."

Henri Nannen gehörte zu den Vorkämpfern der neuen Ostpolitik. Willy Brandt schrieb ihm in der Laudatio zum 75. Geburtstag: "Sie waren vor und mit mir in Moskau, mit und vor mir in Warschau. Und Sie haben dem dortigen Außenminister klargemacht, daß ich nicht würde unterschreiben können, wenn sich seine Seite auf humanitärem Gebiet nicht bewege."