Von Martin Merz

Es ist Weihnachten. Und? Es geht mich nichts an. Natürlich kann ich den Heiligen Abend alleine verbringen. Ein Abend wie jeder andere. Das sagte ich, leicht verärgert, zu ihr, als sie doch zu ihren Eltern fuhr. Was soll dieser besorgte Blick aus schlechtem Gewissen, ich bin nicht sentimental. Eigentlich hatten wir den Abend ohne die üblichen Accessoires bei ihr verbringen wollen – kein Weihnachtsbaum, keine Geschenke, kein stilles Lächeln zum Fest der Liebe. Sicher kann sie machen, was sie will. Allerdings, daß sie ihren Eltern unmöglich hätte absagen können, glaube ich ihr nicht. Ihr Gesicht erzählte schon anderes, als ich ihr meine Abneigung gegen das Treiben ringsum klarmachte. Sie ist sentimental.

Heute morgen habe ich dann ein paar Freunde angerufen. Fast bei allen meldete sich ein Anrufbeantworter, die meisten Singles fliehen über die Feiertage per Flugzeug ins Exil. Die anderen stimmten zu, das Fest diene, außer der Ökonomie, allein der neurotischen Kompensierung unbewältigter Emotionalität. Zudem nervt es jeden. Ob wir denn einfach so auf ein Bier rausgehen könnten? Sie würden ja gerne, sagten sie, aber man müsse, leider, die Verwandten besuchen. Oder habe schon einer Einladung zugesagt mit Weihnachtsdiner und Julklapp. Ich könne mitkommen.

Nein, ich werde am Heiligen Abend nicht in einen Familienersatz untertauchen und einer emanzipierten Single-Frau beteuern, ihre Gans sei keineswegs trocken, vielmehr schön knusprig. Die Selbstcaritas der Unverheirateten zum Fest der Liebe hat etwas vom Charme einer Suppe bei der Heilsarmee.

Kurz vor Ladenschluß habe ich ein paar Flaschen Roten besorgt, etwas Besonderes, einen Brunello. Ich meine, warum sollte ich an diesem Abend einen schlechten Wein trinken? Zurück in der Wohnung, melden sich ein paar Erinnerungen. Es war schön früher, zu Hause, ich rufe gleich mal an, wie es geht und schönes Fest... Ja, doch, mir geht es auch gut. Nein, Mutter, ich kann nicht kommen. Nein, ich habe heute abend eigentlich nichts vor... Na ja. Ich hätte nicht anrufen sollen.

Draußen, es ist 17 Uhr, herrscht wunderbare Ruhe, kein Verkehrslärm dringt durch die Fenster. Seit einer Stunde hat mein Telephon nicht mehr geläutet. Drüben, ich kann genau in die Wohnung gegenüber sehen, bescheren sie. Echte Kerzen am Baum.

Ich hasse Selbstmitleid. Als meine Nachbarn anfangen zu singen, ziehe ich den Mantel über und gehe. Den Brunello kann ich morgen trinken.