Von Gisela Mahlmann

Peking

Immer noch schaut er friedlich entrückt wie ein Buddha auf den riesigen Platz, der jedem das Gefühl vermittelt, nur Teil eines verirrten Tausendfüßlers in der weiten Leere zu sein. Nur die Warze an seinem Kinn erinnert an seine menschliche Existenz. Im glatten, alterslosen Gesicht wirkt sie wie ein Symbol dafür, daß er Vollkommenheit nicht erreicht hat.

Maos Portrait über dem Tor zum Himmlischen Frieden ist fast das einzige, was sich in den zwanzig Jahren, die ich Peking kenne, nicht verändert hat. Als wir 1988 ganz nach Peking zogen, fand sich Mao auf dem Tiananmen-Platz noch in ehrenwerter Gesellschaft: Jeweils zum 1. Mai und 1. Oktober wurden auch Portraits von Marx, Engels, Lenin und Stalin aufgestellt. Nicht wenige Kollegen sagten mir damals, die spannende Zeit in China sei vorbei. Daß wir dann den schwierigen chinesischen Spagat von Marx über Mao zum Markt miterleben würden, wer hätte das gedacht.

Damals spielte Mao kaum eine Rolle. Längst beherrschte Deng Xiaopings Reformpolitik die Diskussion, längst waren die Massen aus der kulturrevolutionären Verblendung aufgewacht, längst war allen klargeworden, daß neben der öffentlich verteufelten "Viererbande" auch Mao selbst für die Fehler der Politik und das Leid von Abermillionen verantwortlich war.

Paßt das Bild Maos, der am 26. Dezember vor hundert Jahren geboren wurde, noch in die heutige Zeit? Für die meisten Chinesen zweifellos ja. "Er hat China geeinigt und aus dem feudalistischen Mittelalter herausgeführt. Er ist trotz aller Fehler der Vater des neuen China", sagten mir selbst junge Studenten. Das heutige China braucht beide, den 89jährigen Pragmatiker Deng und den toten Visionär Mao. Den einen für das reale Leben, den anderen für den Hausaltar der Nation. Und so wird unter Mißachtung aller logischen und historischen Zusammenhänge Dengs "sozialistische Marktwirtschaft" als "konsequente Fortführung von Maos Ideen" gepriesen. So einfach ist das, wenn man das Volk in der Hand und die Propaganda im Griff hat.

1974, als ich zum ersten Mal nach Peking kam, lernten die Schulkinder die Namen der zehn Gebäude auswendig, die höher waren als die Giebel der Verbotenen Stadt. Vor fünf Jahren noch säumten ebenerdige Hofhäuser die Südseite der großen Ost-West-Achse, der Changan, selbst im Zentrum Pekings. Heute stehen dort glatte, glitzernde Fassaden von Hotels, Firmen und Verwaltungszentren. 1988 gab es ein Dutzend Hotels mit westlichem Standard in der Zehnmillionenstadt. Heute gibt es über hundert davon. Damals wurde den Chinesen der Zugang verwehrt, heute sind sie umworbene Gäste.