Von Natias Neutert

Hanemann? Hanemann? Bevor jemand lange ins Grübeln kommt: Dieser Name tut eigentlich nichts zur Sache, Denn als Künstler nannte er sich Punx und gab sich den vielversprechenden, aber auch höllisch verpflichtenden Beinamen „der Unfaßliche“.

Um es gleich vorweg zu sagen: Punx hat sein dadurch gegebenes, frühes Versprechen längst eingelöst und sich in das große, der allgemeinen Öffentlichkeit eher verborgen bleibende Geschichtsbuch der Zauberkunst für immer eingeschrieben – als Klassiker „magischer“ Kammerkunst. Ich greife nur mal eines seiner Kunststücke heraus, den irritierenden „Wahrtraum“: Die Zuschauer dürfen ein Zentimetermaßband kürzer schneiden und die abgeschnittenen Teile in eine Schachtel legen – zusammen mit einem Zettel (auf dem zweierlei festgehalten ist: die jetzige Bandlänge und die genaue Uhrzeit) und der Uhr. Die Schachtel wird geschlossen. Ein geheimnisvoller Zauber tritt in Kraft. Wird die Schachtel nun geöffnet, bemerken Sie erstaunt, daß Sie alles nur geträumt haben können, denn alle Spuren Ihres Handelns sind auf einmal verschwunden. Alles ist wieder so, wie es zu Anfang war: Das Maßband hat seine normale Länge zurück, die abgeschnittenen Stücke sind spurlos verschwunden. Der zuvor beschriebene Zettel ist wieder leer. Die Uhr aber, die in der Schachtel lag, zeigt jetzt eine andere Zeit an, als hätte sich im Dunkel der Schatulle etwas Wundersames ereignet.

„Unfaßlich“ – dieser uns Verzauberungskünstlern so vertraute Ausruf baffer Zuschauer – lautete kurz und bündig der Titel der ersten Punx-Broschüre, die mir als Junge in die Hände gefallen war. Schon ihr Titelbild stach provozierend von den anderen Zauberbüchlein von damals ab. Neun geisterhaft grüne Augen blickten einen vom Umschlag aus violetter Dunkelheit an, umschwirrt von Gläsern, Münzen, Streichhölzern und Spielkarten, als befände sich all dies in einem schwerelosen Raum – oder als wäre eben Zauberei im Spiel.

Ein winziges Werk, sage und schreibe fünfzig Seiten stark mit gerade mal dreizehn Kunststücken, die darin erläutert werden – aber wie!

Sehr durchdacht, geistvoll, in angenehm plauderndem Ton geschrieben, wurde es neben dem Buch „Moderne Salonmagie“ von Carl Willmann (aus dem Jahre 1891) zum Kernstück meiner inzwischen überbordenden Bibliothek.

Es sollte noch viele Jahre dauern, bis ich Punx eines Tages auch auf der Bühne erleben durfte – Mitte der Achtziger muß es gewesen sein, in Stuttgart, wo er als special guest in einer dieser Marvelli-jr.-Shows auftrat. Punx brachte nur „Das Märchen vom gläsernen Herzen“, eine Zauberparabel auf die Hartherzigkeit des Steinreichen, und verdammte alles übrige damit zur Bedeutungslosigkeit. Nun leuchtete mir auch ein, wieso ein so gewiefter Zauberkunstexperte wie der Amerikaner Peter Warlock hatte schreiben können, daß er noch kein Programm gesehen habe, das „echter Zauberei“ näher gekommen sei als dieses.