Von Heinz Meffert

Laß mich dir künden, Limenier, den Ruhm deiner Stadt und die Verzauberung, die die Erinnerung bewirkt...

Als Chabuca Granda, Perus große Komponistin, Mitte der fünfziger Jahre in der "Flor de la canela", dem Lied von der zimtfarbenen, symbolisch für den gelblich-blassen Teint der vornehmen Kreolin stehenden Blume, den Glanz des alten Lima besang, zählte die peruanische Hauptstadt kaum eine Million Einwohner. Zwar hatte schon damals die einstige Metropole Spanisch-Amerikas ihre beherrschende politisch-kulturelle Stellung an Buenos Aires verloren, doch war hier wie nirgendwo in Südamerika ein Bewußtsein vergangener historischer Größe lebendig, bestand ein einzigartiges Flair, gewachsen aus einer jahrhundertelangen Führungsrolle und der Symbiose dreier Kulturen. Der "redende Fluß" Rimac wurde noch nicht vom Autolärm übertönt, und auf den breiten Trottoirs der schattigen Avenidas konnten sich die Damen der Oberschicht in Begleitung schwarzer Zofen oder eleganter Kavaliere noch ungestört an der Harmonie eines intakten kolonialspanischen Zentrums mit herrschaftlichen Palacios und maurischen Balkonen delektieren.

Dem Fremden, der Lima erstmals besucht und Chabucas Idylle an den architektonischen Impressionen mißt, die nach dem Verlassen des Flugplatzes Jorge Chavez auf ihn einströmen, mag das "Lied von der Zimtblume" als bittere Ironie erscheinen. Trostlose Baracken und Bauruinen, dem Lima umgebenden Ring der Elendsviertel zugehörig, prägen das Bild, das sich erst allmählich aufhellt, als die von Schlaglöchern übersäte Straße in eine breite, von Palmen umsäumte Avenida einmündet. Zu beiden Seiten stattliche, aber nicht pompöse Häuser sowie Geschäfte und Restaurants, deren Leuchtreklamen überraschend häufig auf Besitzer asiatischen Ursprungs hindeuten: Wir befinden uns in dem Mittelstandsviertel Pueblo Libre, das unverkennbar den Stempel der zwar zahlenmäßig kleinen, aber überaus rührigen und den Kommerz beherrschenden Minderheit von Japanern und Chinesen trägt. Auch Alberto Fujimori, im Ausland als Präsident umstritten, aber beim einfachen Volk als el chino, der Chinese, sehr populär, entstammt diesem Viertel.

Wer sich nun – auf den Spuren Chabuca Grandas wandelnd – dem Herzen der Hauptstadt nähert, um sich auf der berühmten Avenida Alameda und der vielbesungenen Rimac-Brücke zu ergehen, wird eine herbe Enttäuschung erleben. Zwar wird er beide noch vorfinden, doch von ihrer hermosura, ihrer Eleganz und Vornehmheit, ist fast nichts geblieben: Die breiten Bürgersteige des aristokratischen Limas mußten dem Autoverkehr weichen und mutierten zu schmalen Gehwegen, auf denen sich dichte Menschenmassen drängeln. Die alten Gebäude zeigen bröckelnde Fassaden, die herrlichen kolonialen Erker wirken schmutzig und ungepflegt. Die größte Zeitung der peruanischen Hauptstadt, El Comercio, spricht von zunehmender Verslumung und warnt vor einer Entwicklung à la Kalkutta, wenn es den Stadtvätern nicht gelingt, das nach Tausenden zählende Heer von Schuhputzern, Andenkenverkäufern, fliegenden Händlern und Bettlern von der City fernzuhalten. Dies allerdings erscheint unmöglich, denn die Zahl der Zuwanderer, die sich in den euphemistisch pueblos jovenes, junge Dörfer, genannten Armutsquartieren des Stadtrandes niederlassen und dann Gelegenheitsarbeiten suchen, steigt unaufhörlich.

Gehört nun – so wäre zu fragen – angesichts dieser Entwicklung der Zauber der einstigen "Stadt der Vizekönige" endgültig der Vergangenheit an? Stellt die vielgerühmte spanisch-koloniale Prägung heute nur noch eine touristische Attrappe dar?

Die Antwort hierauf mag überraschen, widerspricht sie doch den oft gebrauchten Klischees von Schmutz, Unterentwicklung und Unsicherheit: Lima besitzt auch heute noch eine faszinierende Kraft und zeigt sich für den Besucher, der es nicht bei einer Kurzvisite beläßt, von einer starken, aus seiner Vielfalt und Gegensätzlichkeit resultierenden Anziehungskraft. So bedarf es nur einer kurzen Fahrt, um aus der drangvollen Enge des Zentrums in das großbürgerliche, zum Meer hin gelegene Barrio Miraflores zu gelangen, das mit seinen modernen Geschäftsvierteln, Parks und Uferpromenaden wie eine bauliche Antithese des alten Limas wirkt. Auch in der Bevölkerungszusammensetzung beider Stadtteile zeigen sich deutliche Unterschiede: Zwar ist – und dies ist einer der Gründe seiner Attraktivität – Lima eine kosmopolitische Stadt, in der das gesamte Spektrum der menschlichen Rassen zu besichtigen ist, doch gibt es Wohngebiete, die von bestimmten Ethnien bevorzugt werden. So wohnt die – noch immer wirtschaftlich mächtigste – kreolische Oberschicht vorzugsweise im eleganten küstennahen Residenzviertel San Isidro, während die schwarze Bevölkerung sich in La Victoria, einer aus allen Nähten platzenden Innenstadtkommune, konzentriert.