Von Christian Weymayr

Wer Cinemascope erwartet, wird bitter enttäuscht. Die Molekülmodelle, die als bunte Bänder oder Spiralen vor den Augen flimmern, sind klein, zittrig und kaum scharf zu stellen. Dafür kann man mit ihnen in einem fiktiven dreidimensionalen Raum interagieren, man kann sie drehen, zueinanderlegen oder hinter sich werfen. Virtual Reality, wie diese künstliche Realität heißt, ist Stolz und Hoffnungsträger der Computerbranche. Der Chemiker beispielsweise kann jetzt mit den Molekülen spielen, die er bislang in seinem Reagenzglas nur vermutete. Das macht Spaß, aber damit neue Medikamente entwerfen zu wollen – Stichwort Drug Design – ist Science-fiction.

Wer in unrealen Welten wandern möchte, hat zwei Möglichkeiten: Er kann die Augen schließen und träumen. Er kann die Sache aber auch technisch angehen, wozu er einen Helm, einen Griff und einen großen Computer braucht. Der Helm muß ihm bis zur Nase reichen und das virtuelle Geschehen direkt vor die Augen projizieren. Der Griff mit seinen Tasten dient als verlängerter Arm. Der Computer registriert Positionen und Bewegungen von Griff und Helm und berechnet so, wo man sich im virtuellen Raum befindet und was man sieht.

Die Technik kann einem jedoch nur Szenen vorspielen, deren Bestandteile andere sich ausgedacht und in opulenten Computerprogrammen niedergeschrieben haben. Sich umsehen in einem fiktiven Haus, Menschen am Bildschirm operieren oder supersafen Sex mit Phantasiegestalten treiben sind im Endeffekt Illusionen aus der Konserve. Auch der Chemiker kann kein Neuland erobern. Auf dem Treffen "Virtual Reality and Drug Design", das kürzlich in Hamburg stattfand, bezeichnete Peter Murray-Rust vom Pharmaunternehmen Glaxo Virtual Reality als eine Art von Lernhilfe, die es dem Chemiker leichter machen könne, sich die oft komplexen, dreidimensionalen Molekülstrukturen vorzustellen.

Und die benötigt der Chemiker, wenn er beispielsweise ein neues Antibiotikum entwickeln soll. Doch Strukturdaten zu gewinnen ist solides Laborhandwerk. Der Computer hilft lediglich, die Datenflut zu bewältigen – mit gigantischem Erinnerungsvermögen zwar, aber ohne Intuition. Er berechnet die Positionen einzelner Atome im Molekül und zeichnet Modelle davon auf den konventionellen Computerschirm oder, zur leichteren Verständlichkeit, auf die Monitore des Virtual-Reality-Helms. Auch sucht er aus einer Datei mit Hunderttausenden Wirkstoffen diejenigen heraus, die als Antibiotikum in Frage kommen. Ob aber Wirkstoffmoleküle tatsächlich zueinander passen, muß der Chemiker – back to earth – in seinem Labor selber herausfinden. Der Computer des Chemikers läßt sich also in etwa mit dem Thesaurus (elektronischer Wortschatz) eines Rechtschreibprogramms vergleichen, denn beide präsentieren nur diverse Möglichkeiten. Entscheiden muß der Mensch schon selbst. Bei dem Stichwort "Virtual Reality" schlägt Thesaurus vor: Vierschrötig. Wie wahr.