Normalerweise muß man sich beim Eintritt in das Erwachsenenalter so manchen schönen Kindheitstraum abschminken. Während die lieben Kleinen noch mit glänzenden Augen den Märchen vom Weihnachtsmann, von Feen, Geistern oder fernen Welten lauschen, regiert mit zunehmendem Alter mehr und mehr die Ratio. Nüchtern wird die Welt, vernünftig und – langweilig. Doch einigen gelingt es, sich ihre Träume und Phantasien über die Zeit zu retten, auch und gerade in der Wissenschaft. Ja, es sei hier einmal die These gewagt, das unter ihnen sogar besonders viele Träumer versteckt sind. Dies gilt vor allem im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Man denke nur an das Glashaus "Biosphäre II" in Arizona, mit dem ein jugendlich gebliebener Ölmilliardär und einige phantasievolle Forscher unsere Welt im kleinen nachbauen wollten und schon einmal für die Besiedelung des Mars trainierten. Oder denken wir an die großangelegte "Suche nach Extraterrestrischer Intelligenz", die von der Nasa im Oktober vergangenen Jahres gestartet wurde. Mit den größten Radioteleskopen der Welt sollte das All nach intelligenten Funksignalen abgehört werden, doch bevor sich die Außerirdischen hätten melden können, hat den Astronomen ein ebenso nüchterner wie phantasieloser Bill Clinton den Geldhahn schon wieder zugedreht.

Jetzt regt sich auch in Deutschland das zarte Pflänzchen der Forschung nach außerirdischem Leben. "Exobiologie" nennt sich ein Fachgebiet, das bis jetzt vor allem in Amerika blühte. Dort untersuchen "Außerbiologen" zusammen mit Planetologen zum Beispiel die Möglichkeit, den Mars nach dem Vorbild der Erde in einen bewohnbaren Planeten umzuwandeln. Die Erfolgschancen für eine Realisierung dieses Projektes sind allerdings mittlerweile gegen Null geschrumpft, nachdem die Raumsonde Mars Observer kurz vor ihrer Landung auf dem Roten Planeten den Geist respektive ihre Transistoren aufgab und auf Nimmerwiedersehen in den Weiten des Alls verschwand. Deutsche Exobiologen backen daher kleinere Brötchen. Sie müssen ihr phantasievolles Fachgebiet hierzulande erst einmal etablieren. Und das ist nicht gerade einfach, zählt doch in unserer nüchternen Wissenschaftslandschaft zunehmend die Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen. In diesem Sinne dürfte die Exobiologie wenig zur Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandorts Deutschland beitragen.

Dennoch haben dreißig Planetenforscher, Astrophysiker, Chemiker und Biologen jetzt die Initiative ergriffen und Mitte Dezember zu ihrer ersten Arbeitstagung über Exobiologie nach Bad Honnef geladen. Auf ihrem Programm stand unter anderem die Theorie der Panspermie – die Vorstellung also, daß das Leben auf der Erde gewissermaßen vom Himmel gefallen ist und durch Bakterien oder Viren von fernen Welten übertragen wurde. Natürlich ist dies eine hoch wissenschaftliche Frage. Schließlich läßt sich dabei en detail untersuchen, wie die extraterrestrischen Miniorganismen beschaffen sein müßten, um den Strapazen einer solchen Reise standzuhalten (wenn es sie denn gibt). Da werden also Sporen per Satellit oder Raumstation in die Tiefen des Weltraums geschickt und ihre Widerstandsfähigkeit beobachtet. Oder es werden in irdischen Labors die Weltraumbedingungen simuliert und entsprechende Mikroorganismen mit unterschiedlichster Strahlung beschossen, extremen Temperaturen oder dem gähnenden Nichts des Vakuums ausgesetzt.

Die frohe Botschaft der Exobiologen von Bad Honnef lautet: Es könnte funktionieren. So liegen etwa Ergebnisse von dem amerikanischen Satelliten LDEF vor, dessen einjähriger Aufenthalt im All mit rund hundert Millionen Sporen an Bord wegen der Challenger-Katastrophe unfreiwilligerweise auf sechs Jahre verlängert wurde. Als die gebeutelten Mikroorganismen wieder heil gelandet waren, siehe, da hatten rund eintausend Sporen überlebt – unter einer braunen Kruste ihrer toten Artgenossen. Auch weitergehende Theorien, wie eventuell gelandete Staubteilchen aus Kometen im Kontakt mit irdischen Flüssigkeiten in "präbiotische Moleküle" übergehen könnten, wurden erfolgreich diskutiert, ebenso wie die These, daß möglicherweise auf dem Mars noch lebende Mikroorganismen anzutreffen seien.

Fazit also: Höchstwahrscheinlich sind wir nicht allein. Die Sporen des Herrn seien mit Euch – wie im Himmel so auch auf Erden.

Ulrich Schnabel