Von Raimund Hoghe

Ihr Leben würde Stoff für Filme verschiedener Genres bieten. Einer könnte von den in New York, Paris, London und Kairo spielenden Liebesaffären der ebenso schönen wie selbstbewußten Protagonistin erzählen. Ein anderer handelte von der Emanzipation eines erfolgreichen Photomodells, das den Glamour Winter sich läßt und als Kriegsberichterstatterin der U.S. Army aus dem zerstörten Europa berichtet. Ein dritter schließlich schilderte die Depressionen und Alkoholprobleme einer älteren Frau, die sich nach einem aufregenden Leben langweilt und von ihrer ruhmreichen Zeit nichts mehr wissen will. Ja, sie habe einmal einige Bilder gemacht, aber das sei lange her, und im Krieg sei alles zerstört worden, antwortete Lee Miller am Ende ihres Lebens auf Fragen nach ihrer photographischen Arbeit.

Erst nach ihrem Tod 1977 konnte ihr eindrucksvolles Werk wiederentdeckt werden. Ihr Sohn Antony Penrose fand Photos und Manuskripte, in Kartons verpackt, auf dem Dachboden. Mit ihnen habe er eine Frau entdeckt, die er zuvor nicht gekannt habe, schreibt er in seiner 1985 erschienenen Biographie „The Lives of Lee Miller“. Ausgelöst durch dieses Buch, fand Lee Miller in den vergangenen Jahren wieder starke Beachtung. In den USA und England erschienen Bücher über die Photographie, darunter eine Sammlung ihrer Bilder und Reportagen aus den Kriegsjahren 1944/45, „Lee Miller’s War“; und eine von der California/International Arts Foundation zusammengestellte Wanderausstellung reist seit geraumer Zeit durch amerikanische und europäische Museen (bis zum 6. Januar 1994 ist sie jetzt im Fotografie Forum Frankfurt zu sehen). Mit rund einhundert Aufnahmen aus den Jahren 1929 bis 1964 weisen die Ausstellung und der sie begleitende Katalog auf die Bedeutung von Lee Millers photographischem Schaffen und dokumentieren die verschiedenen Stationen eines extremen Lebensweges, der die 1907 in Poughkeepsie im Staate New York geborene Amerikanerin nicht nur zwischen den Kontinenten pendeln ließ.

1925 kommt Lee Miller als achtzehnjährige Studentin zum ersten Mal nach Paris, bleibt einige Monate und kehrt dann zurück nach New York, wo sie dem jungen Verleger Conde Nast begegnet. Er entdeckt sie als Photomodell, und im März 1927 erscheint ihr makelloses Gesicht auf der Titelseite der Vogue. In den folgenden Jahren wird Lee Miller zum gefragten Modell von Starphotographen wie Edward Steichen, Arnold Genthe, George Hoyningen-Huene und Horst P. Horst. Doch der Erfolg als Photomodell ist eine Sache, die Suche nach Neuem eine andere. 1929 zieht es Lee Miller erneut nach Paris. Sie trifft den Photographen und Maler Man Ray und stellt sich ihm als seine neue Studentin vor. Er nehme keine Studenten und wolle im übrigen gerade verreisen, erklärt er ihr. Sie erwidert, daß sie das wisse und mit ihm gehen werde. Drei Jahre lebt sie mit Man Ray, ist seine Geliebte, sein Modell und seine Mitarbeiterin. Gemeinsam entwickeln sie die Solarisation weiter, die eine der Standardtechniken der.surrealistischen Photographie wird.

„Eine Surrealistin, die ein Kristallisationspunkt ihrer Zeit war“, wurde Lee Miller einmal von der New York Times genannt. Als eigenständige Künstlerin konnte sie sich neben einem Monument wie Man Ray durchaus behaupten und durchsetzen. 1930 eröffnete die 23jährige ein eigenes Studio in Paris, ihre Arbeiten tauchten in Ausstellungen auf, und nebenher spielt sie auch noch die weibliche Hauptrolle in Jean Cocteaus Film „Le sang d’un Poète“. Nachdem sie sich 1932 von Man Ray getrennt hat, lebt sie erst einmal wieder in New York und eröffnet hier mit ihrem Bruder Erik ein neues Studio für Portrait-, Werbe- und Modephotographie. Mit großem Erfolg. Lee Miller photographiert die Schönen und die Berühmten, arbeitet mit starken Kontrasten und schafft ungeheuer raffiniert ausgeleuchtete Glamourportraits – bis sie ihre Freunde wieder einmal überrascht: 1934 heiratet die gefragte Photographin den wohlhabenden ägyptischen Geschäftsmann Aziz Eloui Bey. Als das Leben in der Kairoer High-Society sie zu langweilen beginnt, unternimmt die Eigenwillige ausgedehnte Ausflüge in die Wüste, bei denen sie auch wieder zur Kamera greift.

Auf einer Europareise trifft sie 1937 den englischen Maler und Schriftsteller Roland Penrose, der fortan ihr Reisebegleiter und zehn Jahre später ihr Ehemann wird. Doch zunächst bleibt sie noch mit Aziz verheiratet, der ihre Eskapaden toleriert und schließlich das Schicksal früherer Verehrer zu teilen hat: Sie verläßt ihn. 1939 zieht sie von Ägypten nach England und nimmt ihre Karriere als Photographin wieder auf. Lee Miller arbeitet für die Vogue in London, photographiert Mode und die Spuren der Bombenangriffe auf die englische Hauptstadt und veröffentlicht ihre eindrucksvollen Kriegsbilder auch in einem Buch, „Glim Glory“. Das einstige Glamourgirl ist zur Kriegsberichterstatterin geworden, die nichts mehr stilisiert und nichts beschönigt.

Nach ihrer Akkreditierung als U.S. Army Force Correspondent folgt Lee Miller den alliierten Truppen an die Front. Ihre Photos zeigen die Schrecken des Krieges, Bombenangriffe, Verwundete in Lazaretten, die Befreiung von Paris und das kapitulierende Deutschland. 1945 zählt sie zu den ersten Photographen, die in das befreite Konzentrationslager Dachau können. Ihren Bericht über das Unvorstellbare überschreibt sie mit der Zeile „Believe it“.

1947 beginnt noch einmal ein neues Leben. Lee Miller heiratet Roland Penrose, und ihr Sohn Antony wird geboren. Mit Mann und Kind lebt sie auf einer Farm in Sussex und photographiert im wesentlichen nur noch für die Biographien, die ihr Mann über ihren gemeinsamen Freund Pablo Picasso und über Antoni Täpies schreibt. Ihre Kraft läßt nach. Nur noch mit einzelnen Photos kann sie an die Qualität ihrer früheren Arbeiten anknüpfen. Und während ihr Mann Erfolg hat, wird sie zunehmend depressiv und alkoholabhängig. Mit einer Therapie und einem neuen Beruf findet sie jedoch aus ihrem Tief heraus: Lee Miller wird zur exzellenten Köchin und schreibt für internationale Magazine über die Haute Cuisine. Die Photographie ist für sie nun ein abgeschlossenes Kapitel. Die Bilder, die ein Spiegel ihres Lebens und einer Epoche waren, von Glamour und Grauen erzählten, von Schönheit und Vergänglichkeit, Schatten und Licht, haben für sie keine Bedeutung mehr. An ihrer Vergangenheit habe sie absolut kein Interesse gehabt, schreibt ihr Sohn und nennt nur eine Ausnahme: die alten Freunde wie Man Ray, mit denen sie bis zu ihrem Tod verbunden blieb.