Von Jörg Albrecht

Erster Akt: Die Vorbereitung

Wie die Zeit vergeht! Noch hat der Hamster nicht in seinen Winterschlaf gefunden, da röstet man an allen Ecken schon die Zuckermandeln und schenkt klebrigen Glühwein aus. Der Mensch sieht die Tage verrinnen, und Panik packt ihn ärger als eine Virusinfektion. Advent, der Monat der Besinnung? Daran glaubt höchstens der Pastor. Gehetzter die Antlitze von Tag zu Tag, rasender die Geschäftigkeit, wie ein Blick in jeden Terminkalender beweist. Kollektives Stöhnen am Telephon: "Vor Weihnachten? Ausgeschlossen!" Vor Weihnachten drehen sie alle durch.

Und es wird immer schlimmer. So hat zum Beispiel der Psychoanalytiker Paul Götze von der psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg über die Jahre hinweg beobachtet: "Die Anforderungen sind größer geworden, die Bereitschaft, sich auseinanderzusetzen, geringer." Das Paradoxe liegt für ihn auf der Hand. Die Weihnachtszeit dient nicht mehr der Entspannung, sondern läßt im Gegenteil die Spannung höher und höher steigen. Und wie ein elektrischer Strom, der durch einen Draht fließt, ihn an der dünnsten Stelle zum Schmelzen bringt, fördert der Vorweihnachtsstreß bei manchen die nackte seelische Not hervor. Eine Woche vor Weihnachten stellt Professor Götze seine regelmäßigen Therapiegespräche ein und widmet sich nur noch den dringendsten Fällen. "Da kommt dann die ganze Palette zusammen, von Überlastungssyndromen bis hin zu schweren Psychosen."

Innehalten, empfiehlt der Nervenarzt, Bilanz ziehen, Defizite eingestehen, Termine ins nächste Jahr verschieben. Beziehungen überprüfen, sich selbst überprüfen, "auf der Suche nach der eigenen Identität".

Leicht gesagt. Als hätten wir nicht schon alles probiert. Nicht schon Gelübde abgelegt, dieses Jahr die Geschenke Geschenke sein zu lassen. Nicht schon geschworen, die Betriebsfeier zu schwänzen. Aufträge abzulehnen, Intrigen zu vertagen, Streit aus dem Weg und sowieso früher ins Bett zu gehen. Umsonst. Wie ein Mahlstrom zieht es uns immer wieder in den Trichter des Vorweihnachtstrubels. Um das zu erledigen, was wir bis dahin nicht geschafft haben, mobilisieren wir die äußersten Reserven. Und auf dem allerletzten Zahnfleisch retten wir uns in die Feiertage.

Zweiter Akt: Das Fest