Von Hans-Christof Wächter

Im Dezember empfängt Rarotonga seine Gäste aufs nobelste. Die ausladenden Flammenbäume entlang der Küstenstraße stehen in voller Blüte, und die in der hurricane season obligaten Regengüsse schlagen tagtäglich – rauschend, kurz und heftig – einen Teil der scharlachfarbenen Pracht auf den Asphalt: Ein roter Teppich ist ausgerollt rings um die Insel. Der Besucher aus kühlen nördlichen Zonen nimmt es als Omen der vielgerühmten Gastfreundschaft Polynesiens. Und soll darin nicht enttäuscht werden.

Schon den Zollbeamten am kleinen Flughafen interessiert die Frage, ob der Neuankömmling denn auch ein bequemes Quartier habe und mit wem er Weihnachten feiern werde, viel mehr als dessen Gepäck. Und die fröhliche, zum Empfang von Verwandtenbesuch aufgereihte Maori-Großfamilie begrüßt den verblüfften papalangi mit strahlendem "Kia Orana!" und duftender Blütenkette, als habe man nur auf ihn gewartet.

Kia Orana! Von morgens bis abends wird man den polynesischen Gruß nun hören und beantworten. Lächelnd und von Herzen. Kia Orana! Mögest du leben! Oder: Daß es dir gutgehe! Wie denn auch nicht in diesem heiteren, überbordend blühenden Inselgarten. Nein, weihnachtliche Gefühle weckt das sommerlich tropische Ambiente zuallerletzt. Und die silberbärtigen Santa Cläuse aus Pappe, die glitzernden Plastiktannenbäume, die "Jingle Bells"-Beschallung in den Läden am Hafen von Avarua wirken vor dem Hintergrund der jadegrünen Lagune und der unter weißen Segeln kreuzenden Auslegerboote nur komisch und irritierend fehl am Platz.

Im Bungalow des Telecommunication Departments neben der imponierenden, die Palmen weit überragenden Satellitenschüssel höre ich, knisternd und dünn, aus dem fernen Deutschland von Eisregen, von Punsch und Christbaumschmücken. Es ist heiß, wir gehen schwimmen.

Wie feiern Cook Islander Weihnachten, das hier, wie überall in angelsächsisch beeinflußten Weltgegenden, erst am 25. Dezember beginnt? Der 24. ist Kinotag. Mit Teatiki und Sarah, den Besitzern der kleinen Gäste-Lodge am Strand, mit Großeltern und Kinderschar spaziere ich die Hauptstraße hinunter, am Regierungssitz vorbei, einem zweistöckigen Holzhaus mit ein paar reservierten Parkbuchten davor; Schilder benennen die Nutzer: "Premier", "Minister of Agriculture, Marine & Scientific & Industrial Research", "Minister of Post and Telecommunication". – Die halbe Stadt ist auf den Beinen, jeder kennt jeden, Lachen und "Kia Orana" nach hier und dort und von allen Seiten. Auch der Premier und Familie sind auf dem Weg zum Kino. Das Empire Theatre (kein Zweifel, welches Empire gemeint ist), holzgebaute Halle, weißgestrichene Gingerbread-Architektur in tropischem Kolonialstil, besitzt die schönsten, verschnörkelt gußeisernen, grünsamtenen Kinosessel aus imperialen Stummfilmzeiten.

Kein einziger bleibt unbesetzt heute nachmittag. Man gibt, dem kalendarischen Anlaß angemessen, Franco Zefirellis breitwandopulente Verfilmung des Lebens Jesu. Vor den offenen Seitentüren wiegen Kokospalmen ihre hohen Kronen raschelnd in der Seebrise, ein kleiner Fluß nahebei plätschert über schwarzes Vulkangestein dem Meer entgegen, auf der Wiese scharrt glucksend eine Schar Hühner.