Von Jutta Scherrer

Ein Riß geht durch die russische gebildete Gesellschaft. Es geht um die Berechtigung der Anwendung von Gewalt und ganz allgemein um die Notwendigkeit eines autoritären Regimes. Für die "Intelligenzija" gab es keinen Zweifel: Jelzin hatte mit der Beschießung des Parlaments richtig gehandelt, und angesichts der Umstände war das "normal". Eher war es das dem neuen Pragmatismus der Elite hinterherhinkende Fußvolk, das meinte, mit derartigen Methoden lasse sich keine Demokratie errichten. Die elitären, machtorientierten Kreise berufen sich dagegen schon seit einiger Zeit nicht mehr auf die liberale Demokratie. Sie scheint ihnen im derzeitigen Rußland illusorisch. Auch wenn sie selbst noch immer unter dem Markenzeichen "Demokraten" auftreten.

Bei meinen letzten Aufenthalten in Moskau und Petersburg habe ich unter den Intellektuellen niemanden angetroffen, der für Ruzkoj und Chasbulatow Sympathien aufbrachte. Viele glaubten jedoch, daß der Unterschied zwischen reformfeindlichen Parlamentariern und den reformfreudigen Anhängern Jelzins kaum noch wahrnehmbar sei. Von daher rührt ihre Apathie gegenüber aller Politik, allem Politischen. Ähnlich tönt die vox populi, mit der der westliche Besucher in Berührung kommt. Taxichauffeure, Angestellte, Verkäufer, Handwerker hegen längst keine Illusionen mehr über eine politische Moral im gegenwärtigen Rußland, von einem zu errichtenden Rechtsstaat ganz zu schweigen. Doch offener, vor allem lauter als in intellektuellen Kreisen wird an der Basis eine neue Generation von politischen Führern erhofft, die mit der alten Nomenklatura nichts zu tun, die vor allem keine Parteikarriere hinter sich hat. Sie würden sich deshalb auch an keiner Wahl beteiligen, verkündeten sie ungefragt.

Umbruchszeiten erforderten eine autoritäre Herrschaft, ist von der intellektuellen Elite zu hören. Eine Opposition könnten Jelzins Reformer in der jetzigen Lage nicht gebrauchen. Eine Diktatur auf Zeit, eine milde Diktatur. Oder gar eine Diktatur des Herzens? Ähnlich hatte es schon einmal geheißen, als auf dem Höhepunkt der Perestrojka der Historiker Andrik Migranjan eine "eiserne Hand" als Voraussetzung für Rußlands Weg aus dem Totalitarismus in die Demokratie forderte – "für Rußlands langen Weg zum europäischen Haus", wie es im Jargon der Gorbatschow-Ära hieß. Holte sich Migranjan mit seinem Modell der autoritären Zwischenstufe auf dem Weg zur Marktgesellschaft in Rußland im Jahre 1988 den Protest des Großteils der sich damals als demokratisch ausgebenden Intellektuellen ein, so sind viele von ihnen bei dieser Weisheit heute von allein angelangt. Auf dem Höhepunkt der Wahlkampagne bekam Migranjan, der sich inzwischen zum Berufspolitologen stilisiert, in der gewiß nicht gerade jelzinfreundlichen Njesawisimaja gasjeta (Unabhängige Zeitung) eine ganze erste Seite eingeräumt. Dort konnte er erneut die Notwendigkeit des "autoritären Regimes in Rußland" erläutern.

Die Träume, die nach dem August-Putsch 1991 geträumt wurden, sind längst verflogen. Der fünfundachtzigjährige Schriftsteller Lew Razgon, der mehr als zwanzig Jahre seines Lebens im Gulag zubrachte, kommt nach jahrelangem Engagement als radikaler Demokrat zu der Erkenntnis: "Rußland braucht eine autoritäre Regierung – anders geht es nicht!" Er gehörte zu einer Gruppe prominenter Schriftsteller, die im August einen offenen Brief in der Isvestija unterzeichneten mit der Warnung, daß es um Rußland schlecht stehe. Die Doppelherrschaft – Parlament gegen den Präsidenten – lasse sich durch nichts mehr rechtfertigen. Höflich, aber bestimmt wurde Präsident Jelzin von den zweiundvierzig Schriftstellern gebeten, noch im Herbst Neuwahlen durchzuführen.

Jelzin lud darauf die Schriftsteller einen Tag lang zu Gesprächen ein, wobei diese ihm ihren Wunsch nach einer starken präsidialen Macht erneut vortrugen. In geheimnistuerischen Worten erzählte Jelzin von bereits unterzeichneten Dekreten und versicherte den Literaten, sie hätten künftig keinen Grund mehr, seine Toleranz als Schwäche auszulegen. Einige Tage später, am 21. September, ging er an die verfassungswidrige Auflösung des Obersten Sowjets und des Kongresses der Volksdeputierten. Die Elite der Intelligenz applaudierte. Die neue Autorität hatte sich endlich durchgesetzt. Der Putsch vom August 1991 hatte seine antiputschistischen Kinder gefressen. Um die auf die blutigen Oktoberereignisse folgende Wahlkampagne zu fördern, lud Außenminister Kosyrew dieselbe Delegation der Schriftsteller zu sich. Führer anderer Parteien wie etwa Schachraj luden für ihre Ziele andere Schriftsteller ein. Schriftsteller im Dienste der Politik und Propaganda – die alte sowjetische Tradition hat sich bewährt.

Die intelligenten Kreise Rußlands haben endgültig ihre großen Leitbilder verloren, denen sie während der letzten Jahrzehnte ihre moralische Identität und ihren Zusammenhalt als eine von der Sowjetgesellschaft abgehobene Gruppe verdankten. Sacharows Tod scheint in weiter Ferne zu liegen. Seine Berufung, ja Beschwörung der Demokratie nimmt sich in Intelligenzler-Augen, die nur mehr die konkreten, materiellen Schwierigkeiten Rußlands wahrnehmen, heutzutage moralisch-abstrakt, ja geradezu weltfremd aus.