Von Heinrich v. Tiedemann

Die glaubwürdige Reportage aus fernen Ländern steht und fällt erfahrungsgemäß damit, daß man Ansässige, Eingeborene, Einheimische sich authentisch zum gewünschten Thema äußern läßt, ihnen, von unbestechlicher Objektivität beflügelt, geschickt die Worte in den Mund legt, die man selbst gewählt haben würde, wäre man an ihrer Stelle gefragt worden. Im Mikrokosmos der Gesellschaft blüht dann das große Ganze auf und muß einfach überzeugen.

Als gelernter Berichterstafter, wenn auch inzwischen im Ruhestand, habe ich mich darum aufgemacht, nach längerer Pause meine einstige Wahlheimat Schweden aufzusuchen. Es rührt sich dort oben einiges, was Interesse verdient. Schließlich ist Schweden dabei, alle politischen Grundsätze über Bord zu werfen und Mitglied der Europäischen Union zu werden. Das ist, als wolle ein standfester Abstinenzler plötzlich zum Gewohnheitstrinker werden.

Als die Schweden noch unablässig damit beschäftigt waren, vom Kothurn ihres moralischen Anspruchs die Welt zu verbessern, erschien ein Anschluß an die in Brüssel verknotete europäische Staatengemeinschaft so absurd, daß kaum ein mitleidiges Lächeln darauf verschwendet wurde. Meine Freunde rangen sich auf einschlägige Vermutungen stets nur ein geringschätziges „Wir doch nicht“ ab. Obschon man einträgliche Geschäfte mit Hilfe lockerer Assoziationsabkommen durchaus zu tätigen wußte, kam ein Verzicht auf Souveränitätsrechte nie in Frage.

Das ist nun alles Geschichte und abgehakt. Am 1. Januar hofft Schweden der Union beitreten zu können; letzte Unstimmigkeiten sind noch zu beseitigen. Natürlich bin ich als Durchschnittsdeutscher für Europa, und ich verhehle nicht meine Schadenfreude darüber, daß es nun auch die Schweden erwischt hat, wenngleich die Mehrheit im Lande dem Beitritt zur Union wohl nach wie vor skeptisch, wenn nicht ablehnend gegenübersteht. Europa, das sei der Moloch Brüssel, der jegliche nationale und mentale Eigenständigkeit erwürgt. Abbau des Wohlfahrtsstaates, Invasion fremden Kapitals, Zerstörung althergebrachter Strukturen, Verrohung politischer Sitten, Import von Arbeitslosigkeit – eine Schwadron von apokalyptischen Reitern taucht am Horizont auf.

Wird am Ende das Alkoholmonopol des Staates dem Brüsseler Veto zum Opfer fallen? Werden Schwedens idyllische Sommerhäuser von streßgeplagten Mitteleuropäern erobert? Werden kontinentale Tierseuchen ins Land geschleppt? Eine Herzensangelegenheit, so schrieb ein erregter Zeitungskolumnist, sei schließlich der typisch schwedische Snus, eine Art Lutschtabak, den man unter der Oberlippe trägt. Die Behörden in Brüssel haben ihm den Kampf angesagt. Da ich Tabak lieber rauche als lutsche, kann ich nicht beurteilen, ob ohne Snus das Leben weniger lebenswert wäre. Doch ein bißchen Irrationalität kann nicht schaden.

Irgendwie fühlt man sich in den September 1967 zurückversetzt. Damals wurde der Straßenverkehr von links auf rechts umgestellt, nach Jahren hitziger Debatten und einer mißglückten Volksbefragung. Für manche Traditionalisten stand sozusagen die nationale Identität auf dem Spiel. Heute hörte ich im Radio einen Politikwissenschaftler reden, der die Europäische Union allen Ernstes mit der Sowjetunion verglich. „Nicht ganz abwegig“, erklärte mir ein Mann, den ich seit langem kenne und als einheimischen Gewährsmann in meine Reportage aufzunehmen geplant hatte. „In Brüssel wird wie einst in Moskau letztlich kommandiert: was in den Gliedstaaten zu geschehen hat, wie unsere Sozial- und Krankenversicherung aussieht, wer bei uns ein- und ausreisen darf und wohin wir unsere politische Wetterfahne zu drehen haben.“ Und wie er so von Brüssel sprach, wies sein Arm – und Schweden gestikulieren beim Sprechen selten – irgendwohin in die Ferne. Es hätte auch Sibirien sein können, wohin sein Finger zeigte. Oder Alaska.