Von Dietrich Willier

Sarajevo

Müde und mit unsicheren Tippelschritten hatte sich die alte Frau mit ihrem Einkaufscaddy voller Wasserkanister an den zerschossenen Containern vorbeigeschleppt. Dann war sie stehengeblieben. Männer mit dicken Pudelmützen rannten an ihr vorbei und nahmen die drei vereisten Stufen vor ihr im Sprung. Junge Frauen im Pelz ließen sich kichernd unter die Arme greifen. Jeder mußte durch diese namenlose Straße, wenn er in die Innenstadt wollte. Erschöpfte Soldaten aus den Schützengräben Dobrinjas, bärtige Alte, die an der Frontlinie unter Lebensgefahr die letzten Bäume gefällt hatten und das Holz jetzt in großen Säcken zum Verkauf in die Altstadt schleppten. Verwirrte und Einsame. Nur die alte Frau stand noch immer traurig und mutlos da. Zwanzig Monate hat sie die Belagerung ihrer Stadt überlebt, jetzt war eine kleine, eisglatte Treppe zum unüberwindbaren Hindernis geworden.

Ein paar Meter weiter, neben dem Bahndamm, scharrt Milenko im schmutzigen Schnee. "Nichts mehr", sagt er, "kein Knochen, kein Zahn, nichts." Seit Beginn des Krieges ist der 42jährige serbische Schauspieler und Autor Milenko Goranović auf seinem Weg ins Kammertheater jeden Morgen an dieser Stelle vorbeigekommen. Auch damals, am 6. Juni, als vor ihm eine Splittergranate explodierte und einen Mann tötete. Die Splitter hatten auch einem braunen Mischlingshund Pfoten und Magen aufgerissen. "Er lebte noch", berichtet Milenko, "als sich ein zweiter Hund neben ihn legte und ihm die Wunden leckte." Am Nachmittag, als Milenko denselben Weg vom Theater nach Hause ging, erinnerte nur noch ein dunkler Fleck neben dem Bahndamm an den Tod des Mannes, die Leiche des braunen Hundes lag immer noch da. "Seither", sagt der Schauspieler, "habe ich meinen Hund jeden Tag gesehen: In den ersten Wochen machten sich die Würmer über sein dürres Fleisch her, im Herbst verlor er sein Fell, und im November fiel der erste Schnee auf ihn. Danach waren nur noch seine weißen Knochen übrig. Ein paar andere Hunde haben auch die weggetragen." Milenko schaut hinüber zu der alten Frau und sagt: "Sieh uns an, wir sind so häßlich geworden."

Die Innenstadt an der Titostraße und um die Vase Miškina ist voller Menschen. Boutiquen und Cafés haben geöffnet. In den Metzgereien der Markthalle hängt das frische Fleisch von Rindern. Lammfleisch ist für dreißig Monatsgehälter des derzeitigen Durchschnittslohns zu haben, ein Ei schon für zwei. Kartoffeln und Zwiebeln aus Beständen der UN-Hilfslieferungen für zwölf Mark das Kilo sind ein Schnäppchen. Mindestens die Hälfte aller Hilfsgüter, die die Uno nach Sarajevo bringt, sagt der stellvertretende Oberkommandierende der bosnischen Armee, Jovan Divjak, kommt nicht bei der Bevölkerung Sarajevos an, sondern wird von der Regierung in Lagern gestapelt und über Schwarzmärkte verkauft. Diese Lebensmittel, so Divjak, stellten derzeit für die Regierung die "einzig stabile Währung" zur Versorgung der bosnischen Armee und Verwaltung dar.

Für hungrige Künstler und Schauspieler ist das "Café Atris" eine der letzten humanen Adressen, für gutbezahlte bosnische Scharfschützen und die Söhne der Kriegsprofiteure ein Ort, um den monetären Überfluß abzubauen. Junge Frauen, die sich noch im Herbst ihren Minnedienst vor den Quartieren der UN-Schutztruppen für ein Care-Paket abkaufen ließen, finden hier eine warme Stube und gelegentlich einen ausländischen Journalisten. Sarajevos Restaurants und Cafés stehen für erkleckliche Schmiergelder auf der Prioritätenliste für die Versorgung mit Strom und Gas.

Milenko hat ein Heft aus der Tasche gezogen, sein "Tagebuch eines verlorenen Kampfes". Die erste Eintragung beschreibt einen Sonntag kurz vor dem Krieg. "Ich war mit den Kindern auf dem Trebevic. Es roch nach Frühling. Der Duft von Sarajevos Mädchen steigt mir in die Nase. Mit meinen Freunden sitze ich im Café, und wir erzählen uns schlüpfrige Witze. Mit gutem Wein geht das noch besser. Natascha hat geweint. Warum? Was hat sie gegessen, daß ihre Tränen so köstlich schmecken? Dann bin ich mit ihr durch die leeren Straßen der Stadt gefahren. Unbekannte mit Maschinenpistolen haben uns aufgehalten. Ich verstehe nichts. Sie lassen uns weiterfahren."