Weihnachten, das sind ja nicht nur Datteln und Feigen. Weihnachten, das ist auch Zimt und was noch alles. Und Weihnachten ist vor allem Advent, Warten auf Weihnachten. Insofern also, was wird bleiben vom Advent 93? Wie verheißungsvoll war er wirklich? Konnte er uns, wie alle Jahre wieder, ordentlich einstimmen auf das Fest der Liebe und der Sinne? Wirkte er gegen die Kälte in den Herzen, sorgte er für Temperatur bei den Menschen in Deutschland?

Man möchte "ja" sagen. Es war ein schöner Advent, schon vom Wetter her. Zu Anfang mit Schnee vermischt, dann war es kalt. Doch bei aller Kälte, zu kalt war es nicht.

Zu danken ist dies der werbenden Wirtschaft, deren Bemühen mitunter seltsame Blüten treibt. Nicht aber im Advent 93, wo die Blüte nicht seltsam war, sondern blond. Sie hieß Anna Nicole Smith. Ist es zu kurz gegriffen, wenn wir behaupten, daß ihr der Advent 93 gehörte, jedenfalls sie aber zum Advent 93? Anna Nicole Smith, die erste Kerze war kaum entflammt, als sie uns erschien. Erst war es nur eine Reklamesäule, von der sie herunterstrahlte. Dann waren es zwei, dann drei, dann...

Wer näher trat und genauer hinschaute, sah sich in der Vermutung bestätigt, daß Anna Nicole Smith für ein Bekleidungshaus Werbung trieb. Was seltsam war und auch wieder nicht. Anna Nicole Smith selbst hatte fast nichts an, einerseits. Andererseits, gerade das, was Anna Nicole Smith nicht anhatte, stand ihr ausgesprochen gut. Sie wirkte festlich, so wie sie war, ohne Lametta, rote Kugeln und was eine Frau sonst noch so an Äußerlichkeiten schmückt.

Besinnung auf das Wahre, Reduzierung auf das Wesentliche, wer Anna Nicole Smith nur lange genug ansah, dem konnten solche Gebote plötzlich wieder etwas sagen. Es gab, obwohl sie sich im Laufe ihrer adventlichen Kampagne mehrmals umzog, keinerlei Hinweise auf ihre Herkunft. War sie womöglich, dafür sprachen ihre nordischen Züge, eine Frau aus dem Land der Elche und der tiefen Fjorde? Ist dieses ungebundene Umherziehen ihre Welt? Und wenn nicht dies, was ist es sonst?

Wer weiß, sicher hätte es vielen Menschen ganz einfach gutgetan, auch einmal solchen Fragen nachzuhängen, für die doch sonst im Jahr kaum Zeit bleibt. Es ist anders gekommen. Statt sich einmal ganz auf jemanden wie Anna Nicole Smith einzulassen, sie sozusagen auch als meditative Möglichkeit zu begreifen, regte sich – wir sind in Deutschland – auch in ihrem Zusammenhang Kritik. Man hätte es sich denken können. Alles ist schlecht. Alles, aber auch wirklich alles ist falsch. Vielleicht ist es dies, was an diesem Land so schwer zu verstehen ist.

Am Ende trug Anna Nicole nur noch ein Corselette (34,90 Mark), was man natürlich nicht mögen muß. Selbst jene, die es mögen, mögen darüber streiten, ob dies so ganz das richtige war für einen vierten Advent. Aber dieses Streiten ist es doch, was typisch ist für eine wehrhafte Demokratie. Streiten, hart in der Sache, doch am Ende nicht spalten, sondern versöhnen. Ob insofern das norwegische Parlament gut daran tat, Anna Nicole Smith landesweit überkleben zu lassen? Sieht so Versöhnung aus?