Von Otto Köhler

Der Hilfeschrei kam aus der Chefetage der Welt: "Haider ante portas." Chefredakteur Gerhard Mumme enthüllte – und das ist in diesem Blatt überraschend – eine Drohung von rechts: die Ankündigung des österreichischen Extremistenführers Jörg Haider, daß "wir in absehbarer Zeit in Deutschland mit einer eigenen Partei kandidieren". Zusammen mit der norditalienischen, schweizerischen und tschechischen Rechten wolle Haider seine FPÖ und Teile der FDP und CSU zu einer "Freiheitlichen Union" zusammenschließen, die bundesweit an den nächsten Wahlen in Deutschland teilnehmen soll. Mumme sieht "das bürgerlich-konservative Lager" in eine "atemberaubende Zange" genommen – "links schon jetzt von den Geißlers und rechts schon bald von den Haiders".

Der Chefredakteur jener Welt, die seit Jahrzehnten nichts anderes tat, als die deutsche Rechte zu stärken, denkt jetzt an das historische Schreckbild: "Ein Österreicher macht Anstalten, nun auch Politiker in Deutschland zu werden." Er ist entsetzt: "Was noch vor wenigen Jahren als aberwitzige Idee gegolten hätte, nur lebensfähig im Hirn eines politischen Hasardeurs, scheint heute wohl vielen so abwegig nicht mehr." Mumme stellt die bange Frage: "Haider klopft an, wer öffnet ihm die Tür?"

Zu spät. Das Tor ist offen, und der Türöffner sitzt zu dem Zeitpunkt, da Mumme seinen Warnruf veröffentlicht, schon seit zehn Tagen ein Stockwerk unter der Chefetage, immer bereit, höher zu steigen. Rainer Zitelmann ist Führer der Geistigen Welt geworden. Der sechsunddreißigjährige Nolte-Schüler hat dem einst renommierten Blatt, das seit dem erneuten Umzug nach Berlin (vorher in Bonn, zuvor in Hamburg) auf die Wiedererringung alten Ansehens hofft, Haiders Kampfbuch als Begrüßungsgeschenk mitgebracht.

Zitelmann, der als Cheflektor des Ullstein-Verlages Haiders Buch betreute, war bis 1992 Wissenschaftlicher Assistent an der Westberliner Freien Universität. Seit seiner Dissertation will er den Schlüssel zum korrekten Geschichtsverständnis dadurch finden, daß er erforscht, was Hitler wirklich gewollt hat. Das erste Ergebnis seiner Bemühung liegt nun schon in vierter Buchauflage unter dem Zitelmanns Streben zutreffend charakterisierenden Titel vor: "Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs".

Mit Gemeinschaftspublikationen und Sammelbänden hat Zitelmann geschickt eine Truppe junger revisionistischer Historiker hinter sich versammelt, wobei er besonderen Wert auch auf national gesinnte "Linke" wie Tilman Fichter und Wolfgang Kowalsky legt. 1992 ging er zu Ullstein und Propyläen und hat in diesem Jahr sein Traumprogramm vorgelegt: von einem Lummer-Pamphlet "Asyl" ("Die Tricks und die Kosten") bis zu einer Schrift gegen "Ausländer-Kriminalität" des Welt am Sonntag-Korrespondenten Jochen Kummer. Ein Sammelband gegen die "Westbindung", Neueingerichtetes von Nolte und unter vielen anderen Druckerzeugnissen dieser Art zwei wissenschaftlich windige Dissertationen: "Die Legende von der ‚Zweiten Schuld‘" von Manfred Kittel; der Autor versteht sich als "Anti-Giordano" und beweist anhand von Reden zum Volkstrauertag, daß die Deutschen ihre Vergangenheit bewältigt haben; Kittel hat diese Doktorarbeit bei Horst Möller durchgeschleust und arbeitet an dessen Institut für Zeitgeschichte an der Edition der Goebbels-Tagebücher; die zweite Doktorarbeit hat der Wolffsohn-Schüler und Welt-Korrespondent Christian Striefler geschrieben, "Kampf um die Macht"; er nimmt in dieser bei Ernst Nolte durchgelaufenen Dissertation den "sozialistischen Anspruch" der Nazis ernst (Hitler konnte nicht zusehen, daß sein Chauffeur noch schlechter aß als er selbst) und "beweist" aus aussortierten Nazi-Akten, daß die Kommunisten in der Weimarer Republik viel gefährlicher waren als die NSDAP... Damit ist Striefler heute Grundsatzreferent des sächsischen Innenministers Eggert.

Mit inzwischen fünf Sammelbänden hat sich Zitelmann die Loyalität vieler Autoren dieser Qualität verschafft. Und so zieht er durch seinen Übertritt in die Geistige Welt einen Rattenschwanz publikationsgieriger revisionistischer Junghistoriker hinter sich her, die er als nebenamtlicher Lektor bei Ullstein auch weiterhin versorgen kann. Zitelmanns erster Welt-Artikel nach Amtsantritt ("Wenn Herrschaftsfreie herrschen") gedieh zur Regierungserklärung: Reklame für seine Leute und Kampfansage an alle anderen. Gegen "die lähmende Langeweile der intellektuellen Scheindebatten und die Tabus der Linken" setzt er voll Zustimmung die Bücher seines Ullstein-Programms vom Herbst 1993, verbunden mit einem offenen Bekenntnis zu Steffen Heitmann und zu der rechtsextremistischen – er schreibt "rechtsintellektuellen" – Zeitschrift Junge Freiheit Heitmann habe zu Recht konstatiert, daß es bei den Themen "Frauen, Ausländer, NS-Vergangenheit" Tabus und Denkverbote gebe.

Nun gibt es tatsächlich "Tabus" – das Anzünden von Ausländern ist zumindest nach dem Strafgesetzbuch noch immer verboten. Aber Denkverbote? Wer hätte je versucht, einen Heit- oder Zitelmann vom Denken abzuhalten? Es ist der alte Nolte-Trick, den Zitelmann gut gelernt hat: Wo immer einer anderer Meinung ist als er, wird unterstellt, der verhänge ein "Denkverbot", errichte ein "Tabu".

Zur Zeit sind es für ihn – welche Erfahrungen mag der Ärmste gemacht haben – vor allem die Frauen, die zu kritisieren ein Tabu sei. Das beklagt er heute in seiner Geistigen Welt, das beklagte er schon in einem Interview mit der Jungen Freiheit. Im Zentralorgan der Jungnazis legte er im Juli eine Lebensbeichte ab. Den Jungfaschisten eröffnete der Exmaoist Zitelmann, ihm gehe es darum, "jene Seiten des Nationalsozialismus wahrzunehmen und zu verstehen, die ihn für viele Zeitgenossen so attraktiv erscheinen ließ".

Damit war er bei dem Thema, das ihn zur Zeit so sehr bedrängt. Zitelmann erläutert Hitlers junger Truppe, sowohl Marxismus als auch Faschismus seien "im Moment" keine ernst zu nehmende Gefahren, und bekennt: "Ich glaube, daß im radikalen Feminismus, der auch einen ‚neuen Menschen‘ will und einen radikalen Egalitarismus predigt, eine erhebliche Gefahr steckt."

Zitelmann, der seine Absage an die "Westbindung" nicht so weit treibt, auf die zu ihm passende Ernährung zu verzichten, läßt jetzt auch in der Geistigen Welt unter dem Rubrum "Lebens-Stil" den "passenden Wein" für die Kaustücke von McDonald’s empfehlen: "Wer viel Ketchup auf seinem Hamburger mag, kann einen Beaujolais dazu trinken, der sich gut mit der Süße verträgt."

Früher verstand auch der finsterste Reaktionär noch etwas von Essen und Trinken. Und tatsächlich könnte der soignierte Weif-Herausgeber Claus Jacobi, der Zitelmann die Tür zur Welt geöffnet hat, sich dauernde Dienstunfähigkeit zugezogen haben, als er die Weinempfehlung der Geistigen Welt las. Jedenfalls hat Jacobi zum 31. Dezember sein Welt-Amt zur Verfügung gestellt.