Dies, sagte der Intendant des Hauses an der Bismarckstraße im Westen der Hauptstadt nach der Premiere, "dies ist unsere Antwort". "Dies" steht für die jüngste Neuinszenierung an der Deutschen Oper, Verdis "Un Ballo in Maschera", und die Antwort gilt der – nun: wie lange eigentlich schon? – repetierten Frage, wie viele Opernhäuser und damit wieviel Oper Berlin letztlich brauche. Aber Götz Friedrich beschränkte sein "Wir" nicht solipsistisch auf "sein" Institut, sondern benannte gleichermaßen zum Zeugen die Premiere eine Woche zuvor im Haus Unter den Linden im Osten der Hauptstadt, Wagners "Die Walküre", und so gilt die Antwort auch der seit dem Fall der Mauer von an der Kunst gar nicht interessierten Opportunisten an die beiden Opernhäuser herangetragenen Frage, welches denn nun das "bessere" und damit das "führende" sei, auf das sich folglich auch das regierungsamtliche Hauptaugenmerk richten könnte oder sollte.

In Bayreuth hatten Harry Kupfer und Daniel Barenboim 1988 den kompletten "Ring" liefern können und müssen. Jetzt in Berlin brachten sie nur die "Walküre" heraus: Die Linden-Oper ist sich bewußt, mit den ökonomischen wie künstlerischen Kräften haushalten zu müssen. Darüber hinaus aber holten beide den in den letzten Jahrzehnten stark ins Ideologische um Geld und Macht oder ins Futuristische transzendierenden Mythos wieder zurück ins Menschliche, genauer: ins Zwischenmenschliche, in die Kategorien von Affekten – so zwar, daß wir uns und unsere Empfindungen wiedererkennen: die Einsamkeit des Isolierten, die Gewalttätigkeit des Patriarchalismus, die Diskrepanz zwischen konservierender Moral und kreativem Impuls aus der freien Phantasie. Daniel Barenboim konnte schließlich mit einem stark auf Bayreuth sich stützenden Ensemble wie der aufgeweckt reagierenden und dadurch klangschön musizierenden Staatskapelle zeigen, zu welcher musikalischen Größe eine sorgfältige Vorbereitung gelangen kann.

Eine Woche darauf dann im Westen Verdi: die Eifersuchts- und Meuchelmord-Geschichte um Gustav III.. Auch hier die Reduktion der Ideologie, die Distanz zum theoretischen Diskurs über Macht und Moral oder Schuld und Sühne; statt dessen das psychologisierende Spiel mit dem Mythos und seinen Affekten: der Spiel-Leidenschaft eines Souveräns, der vom Theater träumt, bis das Theater ihn selber mit Todesfolge einholt; der Irrationalität des Aberglaubens; der gelassenen Heiterkeit des Aufgeklärten. Das alles in einer gekonnten Mischung aus szenischem Realismus und wissendem epischen Theater. Leistung auch hier als der Ausweis der Notwendigkeit.

Bei den Musiktheater-Machern hat also die Rationalität des Gemeinsamen und Notwendigen die Profilneurosen und das Konkurrenz-Denken wenn auch nicht schon überwinden, so doch in vernünftige Grenzen lenken, hat das je eigene Leistungs-Bewußtsein die Größe und damit die Chancen der beiden Institute deutlich machen können. Wird nun auch bei den Politikern und ihren ideologischen wie ökonomischen Hintermännern sich dieses Bewußtsein entwickeln, nach jahrelangem ignoranten Schwafeln und uninteressiertem Parteiengezänk aus der neugewonnenen Kenntnis so etwas wie Stolz auf den einmaligen Besitz sich einstellen? Wird gar, wenn ihn die Muse einmal ganz intensiv küßt, ein Kultur-Verantwortlicher sich sogar schon bald zu der grundsätzlichen Neuregelung durchringen, beide Häuser im Interesse der dort zu zeigenden und weiterzuentwickelnden Kunst unter einer an nichts anderem als an dieser Größe und Qualität arbeitenden Leitung zu vereinen – die dann im dritten Haus an der Behrenstraße sich den Raum und die Clientel für das notwendige Experiment bereithält und sich dabei einer dritten Crew von Experten, den Komponisten nämlich bedient?

Die Bildende Kunst hat soeben, Duplizität der Ereignisse, ein gutes Beispiel gegeben: In Mies van der Rohes Nationalgalerie (West) am Kemperplatz sind endlich die West- mit Ost-Beständen des zwanzigsten Jahrhunderts zusammengeführt – das neunzehnte Jahrhundert wird sich demnächst auf der Museumsinsel vereinigen. Hatte der Kanzler nicht vor ach so schnell verrinnender Zeit verkündend gefordert, Leistung müsse sich wieder lohnen? Wie sonst als in der Garantie ihres Bestandes könnte die Kunst sich erhoffen, daß sich ihre Leistung lohnen werde?

Heinz Josef Herbort