Von Herfried Münkler

Den Ausgangspunkt der Suche nach der untergegangenen Insel Atlantis bilden einige Seiten im Werk des griechischen Philosophen Platon: Im "Timaios" wie im "Kritias" kommt dieser im Zusammenhang mit seinem Bericht über Macht und Glanz des legendären Ur-Athen auch auf eine Insel zu sprechen, die außerhalb der Säulen des Herakles, also im Ozean vor der Meerenge von Gibraltar, gelegen und sich durch große Macht und Reichtum ausgezeichnet habe: das legendäre Atlantis. In einer gewaltigen Naturkatastrophe sei die Insel zusammen mit der athenischen Heeresmacht, die ihr expansives Ausgreifen ins östliche Mittelmeer zurückgeschlagen habe, untergegangen und im Meer versunken. Platon hat diese Mitteilung als einen historischen Bericht fingiert, der aus Ägypten stamme und über seinen Vorfahren Solon auf ihn gelangt sei – mit der Folge, daß die Suche nach dem versunkenen Atlantis bis heute anhält.

In den fünfziger Jahren wollten einige Atlantissucher östlich Helgolands auf Reste der versunkenen Insel gestoßen sein, in den siebziger Jahren wurde diese von einem Autor im Bermudadreieck geortet, womit dann sogleich auch eine Reihe von Unglücksfällen im dortigen Seegebiet erklärt war, und zwischen 1973 und 1984 hat die sowjetische Marine die verstärkte Präsenz ihrer U-Boote vor der spanischen Küste offiziell damit begründet, daß man nach dem versunkenen Atlantis suche. Platons fingiert-historischer Bericht hat in den letzten 150 Jahren eine Literaturflut von zwischen 20000 und 30 000 Titeln ausgelöst. Nicht Atlantis selbst, sondern die ihm gewidmete Literatur ist das Thema der Bücher von Brentjes und Vidal-Naquet.

Brentjes unternimmt einen eher kursorischen als repräsentativen Streifzug durch die Geschichte der Atlantis-Literatur, beginnend bei der von ihm als konservative Sozialreform gedeuteten politischen Zielvorstellung Platons über die Sozialutopien der frühen Neuzeit von Thomas Morus bis Francis Bacon, schließlich die utopisch-sozialistischen Ideen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts bis hin zu den Abenteuergeschichten und historischen Romanen, die sich um das angeblich im Ozean versunkene Atlantis ranken. Was er dabei in groben Strichen aufzeigt, ist eine breite Spur in der Geschichte des politischen Denkens, die wissenschaftliche Debatten ebenso einschließt wie soziale Reformprojekte und ideologische Inanspruchnahmen.

Der Reiz des Buches besteht darin, daß es bekannte und vieldiskutierte Verfasser von Sozialutopien wie Morus und Campanella, Fichte und Fourier gemeinsam behandelt mit politisch wie wissenschaftlich obskuren Gestalten wie Madame Blavatsky, in deren theosophischer Geheimlehre von einem vorsintflutlichen Kontinent die Rede ist, auf dem sich die Menschen mehr mit Religion und Philosophie als materieller Nahrung gesättigt hätten, oder auch dem friesischen Pastor Jürgen Spanuth, der östlich Helgolands Atlantis gefunden zu haben beanspruchte und so einen Beitrag dazu leistete, den platonischen Atlantismythos als Untermauerung des Mythos von den Germanen als ursprünglichen Zivilisationsbringern auszudeuten.

Gleichwohl: Brentjes hat zuviel miteinander verbunden oder besser noch: vermischt, als daß sein Buch ein wissenschaftlich ernst zu nehmender Beitrag zur Geschichte des Atlantismythos geworden wäre. Dabei dient ihm Platon als bloße Klammer, um die Geschichte der Sozialutopie mit der des historischen Romans oder des Abenteuerberichts zu verbinden. So hat sich Morus vor allem auf das platonische Paradigma des besten Staates, wie es Sokrates in der "Politeia" entwickelt, bezogen und daraus seinen Bericht über die Insel Utopia entfaltet und den in vieler Hinsicht gänzlich anders gearteten Atlantismythos eher beiseite gelassen. Dies gilt im Grundsatz auch für die gesamte sich an Morus anschließende Tradition der Sozialutopien, für die Bezugnahmen auf Atlantis eher illustrative als grundlegende Bedeutung haben.

Daß es daneben sehr wohl eine überaus intensive Rezeption des Atlantis-Mythos in der frühen Neuzeit gegeben hat, zeigt der französische Historiker Pierre Vidal-Naquet in dem Kapitel "Atlantis und die Nationen" seines der Beschäftigung des neuzeitlichen Denkens mit Platon und Athen gewidmeten Buches. Er kann darin überzeugend vorführen, daß sich nahezu alle europäischen Nationen seit der frühen Neuzeit des platonischen Atlantismythos bedient haben, um sich jeweils eigene respektable Vorgeschichten zu konstruieren – sei es nun in Verbindung mit den biblischen Erzählungen von der frühen Geschichte der Menschheit oder in dezidierter Absetzung von ihnen. Seit dem 2. nachchristlichen Jahrhundert hatte es Versuche gegeben, die biblische Geschichte mit der platonischen Atlantismythe zu synchronisieren. In der Renaissance nun fiel die literarische Wiederentdeckung Platons zusammen mit ersten Ansätzen zur Bildung nationalen Selbstbewußtseins und damit verbundener Historiographien und Mythologien. Vidal-Naquet zeigt die Bedeutung des Atlantismythos für die Untermauerung des spanischen Anspruchs, rechtmäßiger Herr und Besitzer der neuen Welt zu sein, verweist aber auch auf französische wie englische Atlantisadaptionen.