BERLIN. – Das ist die Jahreszeit, in der die Suche nach Seelenfrieden zur melancholischen Lektüre treibt. Wir lesen die Schrift der Woche: "Bei nassem Schnee" von Dostojewskij. Die herabpeitschende Nässe kann sich nicht zwischen Schnee oder Regen entscheiden. Die nassen Betonverschalungen reflektieren den Trübsinn. An den Kränen leuchten die Weihnachtssterne, und die Passanten hasten mit gesenkten Augen an den Baugruben entlang. Warum sollten sie auch aufblicken, wenn nichts reizt, nach vorne zu blicken?

Der Wirtschaftssenator verspricht ein neues "Standortmarketing" für Berlin. Aber er beschäftigt sich mit der Frage, ob AEG die Maschinen nach Tschechien auslagern darf, die sie mit Berliner Subventionsmillionen angeschafft hatte. Der Senat verspricht die Entwicklung eines "neuen Berlin-Images". Motto: "Aus eigener Kraft". Tatsächlich wächst in den regierenden Parteien die Apathie. Man glaubt nicht mehr daran, daß in den nächsten Wochen der Bundestag sich zu einer Entscheidung in der Hauptstadtfrage durchringen wird. Schon tauchen Überlegungen auf, ob man nicht den Schrecken ohn’ End verkürzt. Gewiß, mit schuldigem Respekt wurde die Kühnheit des Außenministers gefeiert, als er schon einmal symbolisch seinen provisorischen Amtssitz bezog und dort auch ganz offiziell seinen belgischen Amtskollegen empfing. Doch das sind nicht einmal symbolische Gesten; das ist symbolisches Gestikulieren.

Und noch weiß man nicht, ob’s Regen oder Schnee ist. Dostojewskij schreibt von der "Sauce" aus "Widerspruch und Leiden". Aber wohin führt das? Lesen wir weiter. "Übrigens mündete alles immer überaus glücklich, tatenlos und schwelgend in das Reich der Kunst; das heißt in jene schönen, fix und fertigen Formen des Seins." Wahrscheinlich ist es so, daß die melancholische Flucht aus der Gegenwart immer danach drängt, nur in fix und fertigen Formen des Seins zur Ruhe zu kommen. Jedenfalls landete ich – "tatenlos und schwelgend" – in der kleinen Ausstellung "Gärten des Islam". War es absichtsvolle Ironie, dieses Thema ausgerechnet zu dieser Jahreszeit im Haus der Kulturen der Welt anzubieten? Im düsteren Tiergarten leuchteten die Visionen jener Gärten wie ein vergessener Lampion. Geboten wurde nichts weniger als eine kurze Einführung in das Paradies.

Die islamische Gartenkunst strengt sich nicht nur an, ein Bild des Paradieses im Diesseits zu zeigen. Sie zeigt auch das Paradies als etwas Künstliches, das nur durch immerwährende Kunstfertigkeit dem Diesseits abgerungen werden kann. Die Gärten entstammen dem Wüstenboden; und was immer diese Kultur entwickelt hatte – Städte, Höfe, Paläste, Staaten – trägt die Merkmale dieser Kunstfertigkeit: die durchbrochenen Balustraden, die marmornen Pavillons, die filegranen Fenster, die Fayencen mit den floralen Motiven, die Muster der Teppiche. Am Anfang war der Garten. Und die Kunstfertigkeit der Gärtner, die durch die Kunstfertigkeit der Töpfer, Steinmetze, Architekten fortgeführt wird. Die Architektur schafft nicht die Fundamente und Formen für eine seßhafte Gesellschaft, die sich gegen die Natur behauptet. Sie inszeniert einen vorübergehenden Kompromiß mit der Wüste, dessen vollendetes Muster allein den Abglanz von Ewigkeit verschafft. In jenen Gärten wandert man nicht, treibt keinen Sport, sondern man läßt sich nieder, verharrt vor dem Bild und genießt den kostbaren Schatten.

Aber so fern dieses Paradies im trüben Tiergarten auch aufleuchtet – das Muster führt zurück zur Gegenwart. Die Gärten des Islam mögen uns fremd sein, aber ihr Reflex hat die Zeiten übersprungen. In jedem Sommer besetzen die plaudernden, grillenden Gruppen der Türkenfamilien den Tiergarten bis hin zum Reichstag. Sie genießen den Schatten, selbst bei bedecktem Himmel. Sie legen ihr Muster des seßhaften Aufenthalts über die Lennéschen Gartenanlagen, deren Sichtachsen, Perspektiven und Wechselspiele sich weder so richtig für den Wandernden und noch weniger für den Autofahrer erschließen. Erst beim morgendlichen Ausritt sollte wohl diese angeeignete Natur sich entfalten.

Aber wo sind wir gelandet? Bei dem islamischen Gartenmuster über Lennéschen Harmonien? Befreien solche Einfälle vom Trübsinn dieser Schneeregentage? Aber vielleicht ist es besser, sich aus den Gärten des Islam an die Gegenwart zu erinnern, als zu hoffen, der Gegenwart mit einem neuen Image Berlins, aus eigener Kraft wohlgemerkt, zu entkommen?

Und schon ist man wieder im nassen Schnee. Das zarte Palimpsest von orientalischem Garten und Lennéscher Landschaft wird bald zerstört werden. Es kommen die Baustellen für die Nord-Süd-Tunnel, für das Regierungsviertel; zerstörerische Symbolhandlungen, die die Türken und auch das Haus der Kulturen der Welt vertreiben werden. Nur, was aus Berlin wird, bleibt ungewiß.