Bonner Begriffe – abgeklopft und erläutert von Carl-Christian Kaiser (V)

Bönnsche, der an sich: alteingesessener Bonner. Der Begriff des Bö. kann jedoch nur zusammen mit dem Begriff des Bu., des Bundesbonners, als eines mit der Politik beschäftigten Zugezogenen gedacht werden, weil beide sowohl eine Einheit als auch einen Gegensatz bezeichnen. Fälle, in denen Bö. und Bu. sich decken, sind selten.

Ursprünglich bildeten die Bö. und Bu. geradezu eine Symbiose; einen "politischen Herrn" zum Untermieter zu haben wurde bei den Bö. zum heraushebenden Statussymbol. Je mehr aber die Bu. in eigens gebauten Bundessiedlungen verschwanden und ein eigenes Gruppenbewußtsein entwickelten, desto mehr zogen sich die Bö. wieder in ihr Milieu zurück. Daß ein Regierungsrat als Bu., weil es seine Kinder noch besser haben sollten, keine der zahllosen Bonner Kneipen frequentierte, wurde von den Bö. als geselligen Rheinländern mit verständnislosem Achselzucken quittiert. In Extremfällen ging die Trennung so weit, daß sich Bu. regelrecht rühmten, in allen ihren politischen Jahren den Bonner Marktplatz nicht betreten zu haben, während es bei den Bö. üblich wurde, über die Hauptstadtlasten zu klagen, auch wenn sie aus dem Bundeshaushalt üppige Zuschüsse herauszuschlagen wußten.

Dennoch kann das gegenseitige Verhältnis, mit Ausnahme der jüngsten Zeit, nicht gespannt oder sogar feindselig genannt werden, zumal die Bu. den Bö. trotz aller inneren Fremdheit auch karnevalistische Zugeständnisse machten. Daß der politische Betrieb während der drei tollen Tage ausgesetzt wurde und daß selbst der Kanzler die "Jecken" empfing, verfehlte bei den Bö. nicht seinen Eindruck, auch wenn das Angestrengte der Treffen von beiden Seiten empfunden wurde. Lernten die Bu. die Überschaubarkeit der Stadt und sogar ihre kleinteilige Baustruktur schätzen, so gewöhnten sich die Bö. an die Bu. wie vordem an die römische, französische und zuletzt preußische Fremdherrschaft.

Die mit der Hauptstadtrolle verbundenen Staatsbesuche und andere festliche Ereignisse kamen anfangs auch der rheinischen Schaulust entgegen. Sie bewährte sich selbst in zugespitzten Situationen. Als sich das politische Bonn gegen eine Großdemonstration der Achtundsechziger verbarrikadierte, lehnten die Bö. in den Fenstern, um den Aufmarsch der Vermummten wie einen Karnevalszug zu betrachten. Dieses beinahe freundliche, wenn auch distanzierte Interesse ließ die Demonstration wie in Watte laufen. Seitdem ist von der Bonner Demonstrationskultur die Rede.

Im Zeitalter strenger Sicherheitsvorkehrungen, so des Hubschraubertransports von hochgestellten Persönlichkeiten, ist es mit diesem Zusammenklang von rheinischer Neugier und Politik jedoch vorbei. Durch die Berlin-Entscheidung hat sich das beiderseitige Verhältnis jüngst sogar sehr getrübt, so viele Bu. gerne in der Bonner Idylle bleiben würden. Selbst die Ankündigung des Oberstadtdirektors, daß die Wegweiser nach Bonn künftig immerhin mit dem Zusatz "Bundesstadt" versehen werden sollen, kann die Bö. nicht beschwichtigen. Vielmehr beginnen sie sich Rechenschaft darüber zu geben, daß eine ihrer Glanzzeiten wieder einmal vorüber ist Die Bu. wiederum werden die Erinnerung an eine Stadt mitnehmen, deren Bescheidenheit oft auf ihre Politik abgefärbt hat.

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