Von Christoph Bertram

Der Uno-Generalsekretär gilt als bedächtiger, vorsichtiger Mann. Im Sommer 1992 ließ er sich dennoch, angespornt von den am Ende des Kalten Krieges aufkeimenden Hoffnungen, zu ungewohnten Visionen hinreißen: "Die Überzeugung ist allenthalben gewachsen", so Butros-Ghali damals in seiner berühmten "Agenda für den Frieden", daß "die Vereinten Nationen endlich die Chance haben, Frieden und Sicherheit in der Welt zu wahren, Gerechtigkeit und Menschenrechte zu schützen, sozialen Fortschritt und bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen". Der Uno-Einsatz in Somalia, auf den Butros-Ghali unermüdlich gedrängt hatte, sollte die erste Probe aufs Exempel dieser schönen neuen Uno werden. Am Ende des Jahres 1993 steht fest: Es wurde ein Reinfall.

Gewiß, die fast 30 000 Mann aus über zwei Dutzend Nationen konnten die Hungersnot vorläufig beenden, die Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen und Banden eindämmen. Aber mit dem Abzug der letzten westlichen Truppen – zurück bleiben leichter bewaffnete Einheiten aus Ländern der Dritten Welt – wird das arme Land vermutlich wieder in Chaos und Flüchtlingselend, in Bandenkrieg und Hungersnot zurückfallen: ein Fluch nicht nur für Somalia und seine Menschen, auch eine schwere Niederlage für die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen.

An Kritikern, die der Uno nun eine falsche Taktik oder operative Fehler anlasten, fehlt es nicht. Wahrscheinlich wäre es in der Tat besser gewesen, wenn die Hilfsmission nicht in eine Jagd auf Clan-Chef Aidid ausgeartet und das UN-Hauptquartier in New York für derartige Operationen effizienter bestückt gewesen wäre. Aber auch mit anderer Taktik und besserer Ausrüstung wäre der Erfolg ausgeblieben. Denn was die Uno sich in Somalia vornahm, überstieg gleichermaßen ihre eigenen Möglichkeiten wie die Geduld vieler Mitgliedstaaten.

Zum einen: Somalia war kein Fall für traditionelles peace keeping, in dem zum Waffenstillstand bereite Kampfparteien durch "neutrale" Uno-Truppen auf Distanz gehalten und somit zum Friedensschluß ermuntert werden. Vielmehr stellte das Land nur noch ein Skelett dar, alle staatliche Organisation war verfallen, einer aus der wachsenden Zahl der failed states – bankrotte, kaputte, gescheiterte Gemeinwesen. In solchen Situationen ist die Not der betroffenen Menschen am größten; zugleich aber fehlt es an jeglichen Strukturen, ihnen wirksam zu helfen. Diese Strukturen dauerhaft von außen aufzubauen übersteigt die Kräfte jeder internationalen Organisation – und sei sie noch so gut bewaffnet.

Zum anderen haben sich die Vereinten Nationen durch das Ende des Kalten Krieges nicht so grundlegend gewandelt, wie ihre Vertreter glaubten. Zwar ist die automatische Blockade im Sicherheitsrat zwischen Ost und West aufgehoben, die bis Ende der achtziger Jahre praktisch jedes gemeinsame Vorgehen vereitelte. Dennoch wirken Interessengegensätze fort, wie beim Vorgehen gegen Serbien, gegen das atomverdächtigte Nordkorea und eben auch Somalia. Die Verfasser der UN-Charta von 1945 hatten das Versagen des Völkerbundes und den Zweiten Weltkrieg vor Augen; sie wollten die Weltgemeinschaft gegen einen neuen Hitler wappnen. Gegen die Aidids dieser Welt jedoch taugt die Charta trotz aller starken Formeln nicht. Auch wenn der Sicherheitsrat Somalia zur "Gefahr für den internationalen Frieden" erklärte, wurde der Krieg dort von den meisten Staaten zu Recht als lokales Ereignis eingeordnet. Kein Wunder, daß die Unterstützung für den Einsatz am Horn von Afrika abbröckelte, als die Gefahren wuchsen und die Kosten stiegen.

Schließlich sind und bleiben Staaten egoistische Wesen. Sie setzen nur dann das Leben ihrer Soldaten aufs Spiel, wenn ihre Interessen berührt sind. Europäische Demokratien, das zeigt ihr Verhalten angesichts der Tragödie auf dem Balkan, zögern sogar bei klarer Interessenlage noch, weil sie die Empörung ihrer öffentlichen Meinung bei militärischen Verlusten fürchten. Und humanitäre Hilfe ist das schwächste aller Interventionsmotive: Staaten leisten sie mehr aus Scham als aus Interesse. Auf die Frage, warum in Somalia, aber nicht im Sudan geholfen werden soll, wissen die Regierungen ebensowenig eine überzeugende Antwort wie darauf, wann die Helfer wieder abziehen können.

Die neuen Vereinten Nationen bleiben den alten ähnlich. Die Uno, hatte Butros-Ghali in seiner "Agenda für den Frieden" gewarnt, "darf nie wieder so verkrüppelt werden, wie sie es in der hinter uns liegenden Zeit war". Darin liegt das Menetekel von Mogadischu: Sie wird auch künftig nur hinken, nicht laufen können.