Die Verfolgung der Raucher nimmt faschistisqhe Züge an. Was würde Ernst Bloch dazu sagen, aus dessen Pfeife nicht Krebs dampfte, sondern Utopie stündlich, täglich, nächtlich, lebenslänglich? Ich bin kein Raucher, sagte Voltaire angeblich, aber ich würde dafür sterben; daß Sie rauchen dürfen.

Ernst Bloch, Thaumaturg der Utopie, kriegt jetzt einmal unrecht: Derzeit hat alle Utopie ausgepfiffen. Und dann wieder kriegt er hundertmal recht: Demnächst wölkt sie wieder. Ohne Utopie gibts keinen modernen Menschen, das heißt keinen modernen Gott.

trudeln. Es fehlt uns der feste Kein Ort (U topos), woran wir uns halten können. Demnächst gehts uns besser. Joachim Fest verkündete "Das Ende der Utopien" (1991): Wir würden künftig zu leben haben "ohne das große Tam Tam der Utopien". Nein, so schlecht wirds uns auf Dauer nicht gehen. Bloch, je blinder er wurde, desto deutlicher sehend, taufte die Blindheit unserer Erwartungen und die korrespondierende Deutlichkeit unserer Sehnsüchte auf den schönen Namen Desiderium: Es sei das, was man sich herabwünscht von den Sternen (de sideris).

"Das Desiderium", sagt mein Zettelkasten unter B wie Bloch, "ist das gewisseste Sein und die einzige ehrliche Eigenschaft von Menschen; das Desiderium nach Gestaltung dessen, was so deutlich vordämmert, was in den Objekten selber fragt " Es fragt. Es schreibt nicht vor. Daher waren die meisten bisherigen Utopisten gar keine. Sie fragten nicht, sie schrieben vor, und es ging schief. Die schlimmsten Utopisten sind die vor- und fortschreibenden Pragmatiker, die meinen: Es kann alles bleiben, wie es ist, wenn es nur noch mehr so wird, wie es schon ist.

Stellst du den Pragmatiker von seinen Bleifüßen auf den Stecknadelkopf, kannst du mit ihm ein Fetzchen Wahrheit aufspießen: Utopie tut not. Not tut Utopie. Wechselseitige Notzüchtigung, lesbischer Sixty Niner zwischen Genossin Utopie und Kameradin Not. So not tat Utopie noch nie wie in der jetzigen Not: materielle Not, Kriegsnot, Friedensnot, Seelennot, blablabla.

Die Notwendigkeit der Utopie heute folgt aus der menschlichen Psyche im Zustand nach ihrer Verstörung durch Psychologie (Seelenkunde, der ihr Gegenstand: die Seele, abhanden kam). Seit Zertrümmerung der Psyche durch Psychologie besteht die postmoderne Rest Seele hauptsächlich aus Rest Sehnsucht, das heißt unerfüllter und unerfüllbarer Sehnsucht, das heißt Utopie.

Wir entkommen aber der Utopie schon deshalb nicht: weil unsere Erkenntnis, zumal die wissenschaftliche, eine gar so dämmrige ist "Alle Kreatur ist dunkel, verglichen mit dem Licht göttlichen Ranges, daher ist auch unsere Erkenntnis als abendliche Dämmerung zu bezeichnen" (Thomas von Aquin, Summa I, 64, l ad 3).