Von Christine Brasch

Prost! Ein neues Jahr beginnt. Ein neuer Jahrgang nimmt seinen Anfang. Kinder werden geboren werden; viele. Etwa 797 000 sollen es werden, sagt die Statistik. Erwarten Sie eines davon?

Dann lassen Sie sich gesagt sein: Gebären tut nicht weh. Nicht, wenn Sie es richtig machen. Auch wenn Schmerzforscher immer wieder anderes behaupten: Tiere und Naturvölker bekommen ihre Kinder schließlich auch ohne Schmerzen, und die Bäuerinnen gebaren ihre Kinder früher bekanntermaßen in einer Pause während der Feldarbeit ... Sie haben anderes gehört? Von Schmerzen, die der Kreißenden die Sinne nahmen, von schmerzlindernden Spritzen, die es der Mutter ermöglichten, ihre Kraft wieder einzusetzen, von Müttern, die sich zumindest in den ersten Tagen nach der Entbindung schworen, kein zweites Kind zu bekommen? Bei armen, zivilisatorisch vermurksten Wesen mag es so etwas geben. Aber Sie wollen ja wohl nicht dazugehören.

Bemühen wir ein bißchen Medizingeschichte: Noch in den siebziger Jahren lagen die Frauen unter der Geburt hilflos wie die Käfer auf dem Rücken, ohne einen vertrauten Menschen, ausgeliefert allen medizinischen Eingriffen, benebelt von Schmerzmitteln, die sie nicht gewollt hatten und den Babys schaden. Gegen all dies hat eine Generation mutiger Frauen erfolgreich gekämpft. Ein ganz netter Anfang, durchaus. Aber wir wollen heute mehr. Die ein, zwei Geburten, die eine Mutter erlebt, sollen das große Ereignis sein. Natürlich ohne Schmerzmittel, ohne medizinische Eingriffe, ohne Komplikationen. Und das geht nur mit dem richtigen Bewußtsein.

Deshalb wird ab sofort nicht mehr von Wehen gesprochen, das klingt einfach zu sehr nach "weh". Im Englischen heißt es schließlich auch labour, sprechen wir also von Geburtsarbeit. Sie meinen, es seien doch schon immer Komplikationen vorgekommen? Und es sei doch nur zu natürlich, etwas gegen starke Schmerzen zu unternehmen? Es gebe schließlich auch keine natürlichen Gallenoperationen ohne Betäubung? Aber verstehen Sie doch, Schmerzmittel sind überflüssig, wenn Sie nur das richtige Bewußtsein haben.

Die Psychosomatik hat uns ja das segensreiche Wissen beschert, daß Krankheiten und Schmerzen nicht nur körperliche Vorgänge sind, sondern im Wechselspiel von Körper und Seele entstehen. Da haben wir’s: Wer krank wird, ist selbst schuld. Die Frau, die keine schmerzfreie, natürliche Geburt erlebt, bei der wird etwas nicht stimmen. Probleme in der Partnerschaft vielleicht? Unbewußte Ablehnung des Kindes? Unbearbeitete Konflikte mit der eigenen Mutter? Sie meinen, es könnte sich doch um rein organische Ursachen handeln, um eine um den Hals geschlungene Nabelschnur, die einen Kaiserschnitt nötig macht, oder um eine ungünstige Kindslage, die die Geburt besonders erschwert? Ach was. Wir wissen doch heute, daß alles viel tiefere Gründe hat. Und wer mit seinen Psychokonflikten nicht fertig wird, muß die Konsequenzen dann eben während der Entbindung tragen.

Einen Trost gibt es ja immerhin: Große Schmerzen sollen eine intensive Bindung zwischen Mutter und Kind herstellen. Sie meinen, Frauen wären keine Pawlowschen Hündinnen, die Schmerzen bräuchten, um zu lernen, und im übrigen sei es doch Entscheidung jeder einzelnen Frau, wieviel Schmerzen sie ertragen könne und wolle? Natürlich, natürlich, da haben Sie recht. Wir sind ja auch so sehr dafür, die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen, in sich hineinzuhorchen, aus dem Bauch heraus zu reagieren. Aber unter der Geburt, da ist das ein klein wenig anders. Solange der Bauch sich Aromatherapie-Öl oder Massage wünscht – in Ordnung. Aber wenn Ihr Körper ganz deutlich nach einer Periduralanästhesie verlangt, dann hat er nichts mehr zu sagen.

Oder wollen Sie zu den Versagerinnen gehören?