Von Arne Boecker

Montag früh, 7 Uhr. Lagerarbeiter klopfen gegen die Frontscheibe eines Lastwagens. Drinnen schreckt der Fahrer hoch. Vor einer Stunde ist er auf den Hof des Verbrauchermarktes am Kieler Wittland gerollt, jetzt wird er seine Fracht los. Doch zuerst rekelt er sich, gähnt und dreht den Einschaltknopf des Autoradios nach rechts.

Rhythmus schwappt ins Cockpit. "We built this city..." schmettern Starship zweimal. Im dritten Anlauf nennt die US-Band das Fundament ihrer Stadt: "... on Rock ’n’ Roll!" Danach schluchzt Michael Jackson: "Will You Be There?" Anja und Ralph werfen sich in den munteren Musikfluß. Die Moderatoren stören nur sekundenkurz: Musik, bitte! Wuchtiger Beat setzt ein – Tack! Tack! Tack! schon singen Sniff’n The Tears ihr Loblied auf den "Driver’s Seat".

Der Brummilenker hat sich vom Pop wachküssen lassen. Allegro wirft er die Abdeckplane zurück und entriegelt die Ladefläche.

Seine Morgenmusik wird nur ein paar Schritte entfernt in den Äther geschickt. Starship, Michael Jackson und Sniffn The Tears wecken im Auftrag von Radio Schleswig-Holstein (R.SH).

Radio aus dem Gewerbegebiet, das ist nur konsequent. Denn die Programmacher setzen genauso auf Funktionalität wie die Bau-, Auto- und Sanitärmärkte links und rechts der Flachdachschachtel von R.SH. 1986 war Radio Schleswig-Holstein das erste landesweite Privatradio mit einer Lizenz zum Senden. Heute jingeln und jangeln mehr als 150 Epigonen durch Stadt und Land. Die neuen Rundfunksender haben das ganze Medium gründlich verändert. Seit es Sender wie R.SH gibt, schalten Hörer nicht mehr gezielt ein, sondern sie lassen sich vom Programm überallhin begleiten. Statt anzuregen und die Welt zu erklären, tapeziert das Radio den Alltag mit Musik.

Todd Storz heißt der Urahn von R.SH & Co. Bis in die fünfziger Jahre hinein hatte er seinen Radiosender, KOWH in Omaha im Bundesstaat Nebraska, als musikalischen Gemischtwarenladen geführt. In der Stammkneipe fiel ihm eines Abends auf, daß die Gäste immer dieselben Knöpfe der Jukebox drückten. Und zur Sperrstunde wählten die Kellnerinnen, die doch den ganzen Abend nichts anderes zu Ohren bekommen hatten, genau diese Gassenhauer noch einmal. Wie erfolgreich müßte ein Radiosender sein, dachte Todd Storz, der ständig die zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig beliebtesten Songs abnudelt. Dieser bierselige Abend war die Geburtsstunde des Top-40-Radios.