Gut vier Jahrzehnte später ging Radio Schleswig-Holstein auf Sendung. Bis dahin hatte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) auf einem Monopol gehockt. Das Musikangebot war auf dem Stand von KOWH, aber vor Mr. Storz’ folgenreichem Kneipengang: viel Schlager, ein Spritzer Volksmusik, abends Pop und Rock und Jazz, alles unterjocht vom mächtigen Wort. Schließlich hatte der NDR einen Bildungsauftrag zu erfüllen.

"Man konnte am Sound ablesen, wenn der Redakteur Liebeskummer hatte", sagt Hermann Stümpert. Der erste Programmdirektor von Radio Schleswig-Holstein steckte seinen Sender in ein Klangkleid, das auf die Zielgruppe der 15- bis 45jährigen Schleswig-Holsteiner zugeschnitten war. "Da ging es nicht um Ästhetik. Ich wollte, daß sich innerhalb von zwanzig Sendeminuten alle Altersgruppen wiederfinden."

Nur: Wer sagte ihm, welche Musik die Hörer wirklich mochten? "Der Mensch reagiert auf Pop mit einem Pawlowschen Reflex", sagt Hermann Stümpert, "die Musik, die er im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren hört, prägt lebenslang seinen Geschmack." Kids kaufen Platten, komponieren Kassetten, laufen in Konzerte und zerfleddern Musikzeitschriften. Twens dagegen pilgern am Samstagmorgen schon nicht mehr zu WOM oder Saturn, sondern zu Ikea, und schauen auf dem Heimweg bei VW vorbei. Stümpert mußte also bloß die Popgeschichte anschauen. Welche Titel stürmten die Hitparaden, als sich die 45-, 35- und 25jährigen R.SH-Hörer noch Starschnitte übers Bett hängten? Stümpert peppte, um auch die 15jährigen zu gewinnen, die Mischung mit Hits vom Tage auf, und fertig war die musikalische Rundumversorgung.

Fachleuten gilt R.SH als AC-Sender, für Adult Contemporary. "AC war in den achtziger Jahren das erfolgreichste Musikformat in den USA", sagt Michael Haas, der Programmdirektor von Antenne Bayern. "Solche Sender mögen besonders Leute zwischen 25 und 49. Die haben viel Geld und sind für die Werbekunden besonders interessant."

Mittwoch mittag bei Radio Schleswig-Holstein. Musikchef Stephan Hampe bittet zur Playlistkonferenz. Die Playlist, das ist das Herz des Musikprogramms. Rund 40 Hits kommen auf die Liste. Sie teilen sich in zwei Kategorien: zwei Einsätze pro Tag und ein Einsatz pro Tag. Nach und nach trudeln drei Musikredakteure ein, dazu Sekretärin und Archivarin. Ihre Stimmen zählen genauso wie die der Experten. Das R.SH-Programm will schließlich nicht die Elite beeindrucken, sondern die Herzen der Masse öffnen.

Stephan Hampe hat über die Woche in etwa hundert Stücke reingehört und aussortiert, was offensichtlich nicht R.SH-kompatibel ist; 21 Titel haben diese Hürde übersprungen. Hampe kündigt "Das Lebkuchenherz" von PE Werner an und füttert das CD-Gerät mit einer Silberscheibe. Per Schnellvorlauf überspringt er das instrumentale Intro. Dann setzt der Gesang ein.

Zwanzig Sekunden "Lebkuchenherz", und Stephan Hampe zieht die Augenbrauen in die Höhe: "Ui, ein Dreivierteltakt statt des üblichen Zack-Bum! im Vierviertel. Das ehrt die Dame!" Aber selbst moderate Experimente sind den Hörern von Radio Schleswig-Holstein offenbar nicht zuzumuten. Fünf Daumen zeigen zum Boden, nur einer deutet halbherzig gen Decke. Drei in die Luft gereckte Daumen hätten es schon sein müssen, um "Das Lebkuchenherz" in die nächste Runde zu befördern. So aber: ein schnelles Aus für PE Werner und den Dreivierteltakt.