Ein- bis zweimal pro Jahr beauftragen viele Privatsender Forschungsinstitute, einen repräsentativen Querschnitt ihrer Hörer in einem Saal zu versammeln. Und dann gibt’s was auf die Ohren: 400 Titel aus dem Archiv, fein abgepackt in Zehn-Sekunden-Häppchen, Hooks genannt. Je schneller die Hooks sich im Gehörgang festhaken, desto wahrscheinlicher ist es, daß die Platte zum Hit wird.

Rund hundert junge Menschen fläzen sich dann auf ihren Klappsitzen und starren, einen Fragebogen in der Hand, erwartungsfroh in die beiden Lautsprecher auf der Rampe. Vier Fragen müssen die Tester beantworten: Kennen Sie den Titel? Wie gefällt er Ihnen (Skala von 1 bis 7)? Paßt er in unser Programm? Haben Sie sich an diesem Titel bereits satt gehört? Jeder Redakteur fürchtet das Burnout eines Songs.

Sogar Megahits kommen nach ein paar Wochen an den Punkt, an dem sie saft- und kraftlos wirken. Bei den ersten fünfzig Songs legt sich im Auditorium noch so manche Stirn in Furchen, aber elfmal Rod Stewart und achtmal Tina Turner – das steht niemand ohne Konzentrationsschwäche durch. Nur bei "Short People" von Randy Newman, der nicht gerade einen Ruf als Hitparaden-Konfektionär zu verlieren hat, erhebt sich noch einmal Gemurmel. Schüchterner Blick nach nebenan: Okay, keine Schande, den kennt mein Nachbar auch nicht.

Mit wöchentlichen Rundrufen am Telephon überprüft Radio Schleswig-Holstein, wie das aktuelle Musikmaterial ankommt; wieder werden die Hooks angespielt. Zum Beispiel, während einer beliebigen Woche des Jahres 1993, Michael Jacksons "Will You Be There?". Jackson erseufzt sich bei den R.SH-Anhängern eine glatte 3. Die Hörer haben in einer Skala von 1 bis 6 lauter Zweien, Dreien und Vieren vergeben. Musikchef Hampe findet das gut so: "Also polarisiert ‚Will You Be There?‘ unsere Hörer nicht. Andere Interpreten mit der Note 3 haben von 1 bis 6 alles dabei. Die fliegen raus!"

Anfangs begriff Radio Schleswig-Holstein den eigenen Erfolg kaum. 42 Prozent der Menschen zwischen Flensburg und Hamburg schalteten mindestens einmal am Tag den gnadenlosen Hitmix von R.SH ein. Und die Macher feilten weiter am Programm. Der Konsument sollte zu jeder Zeit ohne intellektuelle Anstrengung auf der Schaumkrone der Musik surfen können und so lange wie möglich draufbleiben. Alle Abschaltimpulse sollten getilgt werden. Liedende und Liedanfang gingen jetzt bruchlos ineinander über, so daß glatte Musikflächen entstanden. Außerdem eliminierte die Hörerforschung diejenigen Titel, die nervten oder auch nur irritierten. Heute rotiert zwischen 5 und 24 Uhr die Hälfte jener Musikmenge, die R.SH anfangs eingesetzt hat.

Der Markt geriet mächtig in Wallung. Durch das Kieler Vorbild ermutigt, wagte sich eine ganze Reihe von Wellen-Reitern in den Äther. Die kämpften alle mit den gleichen Methoden.

Im benachbarten Stadtstaat Hamburg steckten die neuen Privaten allerdings schnell im Schlamassel. Gleich drei pop- und rockorientierte Stationen buhlten um die Gunst der jugendlichen Massen. Die musikalische Schnittmenge von Radio Hamburg, Radio 107 und OK Radio – Phil Collins über Bryan Adams bis Prince – war zu groß, um scharfe Profile erkennen zu lassen. Werbespots akquirieren? Eine Strafarbeit! Gebetsmühlenhaft wiederholten die umgarnten Unternehmer die Frage: Wie sieht denn Ihre Zielgruppe genau aus