Die internen Karrieremechanismen der öffentlich-rechtlichen Sender fördern die Erkenntnis nicht gerade, daß man mit Musik Hörer fängt. Während sich die Musikchefs der privaten Emporkömmlinge aus ehemaligen Fans und Freaks rekrutieren, die seit ihrer Kindheit Musik hören, schmecken und fühlen, hocken bei den öffentlichrechtlichen Mitbewerbern ergraute Politikredakteure an den entscheidenden Stellen. Die halten Dr. Alban im Zweifelsfall für den Oberarzt des städtischen Klinikums. "Die Konferenzen kauen stundenlang einen dreiminütigen Beitrag durch, aber wie man ein vierstündiges Magazin mit Musik ausstattet, ist kein Thema", wettert ein NDR-Moderator.

Den Privatfunk prägt hingegen kühle Kalkulation. Ehrfurcht vor dem Kulturgut Musik ist zwischen Selector und Soundprocessor verfehlt. "Ich bin Produktmanager in der Konsumgüterindustrie", sagt Stephan Hampe. "Radiosender sind Produkte wie Schokoriegel." Hampe spielt in Bands, seit er fünfzehn ist. "Mit diversen Rockgruppen wollte ich Spaß haben, mit der Top-40-Band Tiffany verdiene ich ein bißchen Geld dazu." Heute spielt der diplomierte Volkswirt, Spezialist für Marketing, nur noch bei Tiffany. Stephan Hampe hat sich entschieden.

Der dreißigjährige Hampe ist der Prototyp der Musikchefs, wie es sie bei den Privaten gibt. Poptrends kennen sie, bevor die Presse sie breittritt. Sie beherrschen die Studiotechnik aus dem Effeff, Marktanalysen verschlingen sie wie andere Boulevardblätter. Die meist ebenso jungen Mitarbeiter gelten ihnen als Kumpel, aufdringliche Plattenpromoter wissen sie sich selbstbewußt vom Leib zu halten. Die Herren der Klänge sind von keinerlei Zweifeln angekränkelt, was ihre Sicht der Musik angeht. Befragt, ob er so • etwas wie eine Berufsethik in sich verspüre, kommt Stephan Hampe in den Sinn, daß er "natürlich keine rechtsradikale Musik spielt".

So viel Pragmatismus kann Tim Renner, bei Polydor Marketingleiter für Progressive/Jazz, schwer ertragen. Sein Urteil über die Formatradios lautet: "Die sorgen dafür, daß man im Ghetto seiner Musik verschwindet. Das Medium Radio als solches verliert eine ganze Generation von Zu-Hörern, die dem Medium entwöhnt werden." Bloß: Ist das den privaten Hörfunkanbietern vorzuwerfen? Sie greifen mit ihren Programmen doch nur auf Adenauer zurück: "Keine Experimente!" Sie tun, was sie müssen, um Geld zu verdienen. Die Landesregierungen haben dazu die Voraussetzungen geschaffen.

Am 10. September 1985, das "Jahr der Musik" ging seinem Höhepunkt entgegen, hielt Richard von Weizsäcker anläßlich des Internationalen Musikfestes in Stuttgart eine Rede. Musik sei in besonders hohem Maße Ausdruck einer ganzen Kultur und spiegele die geistigen und sozialen Strömungen ihrer Epoche wider, sagte der Bundespräsident.

Nicht mal ein Jahr später meldete sich Radio Schleswig-Holstein erstmals aus dem Gewerbegebiet Wittland.