Der Letzte geht an die Spitze – Seite 1

Von Klaus-Peter Schmid

Athen

Sehnsüchtig hatten die Athener auf den Regen gewartet. Der Staub saß überall, Smog machte das Atmen schwer. Dann, nach fast einem halben Jahr Trockenheit, öffnete der attische Himmel drei Tage lang im November seine Schleusen. Die Fluten zerstörten Häuser, rissen Autos mit, setzten die Straßen unter Wasser. "Auf so etwas sind wir nicht eingerichtet", entschuldigt sich ein Athener.

Manche meinen, mit dem Geldregen aus Brüssel sei es ähnlich: Gewaltige Summen strömen seit Jahren in Europas ärmstes Mitgliedsland, ohne ihm auf die Sprünge zu helfen. Rund sechs Prozent des griechischen Sozialprodukts kommen aus dem Budget der Europäischen Union; das entspricht etwa der Hälfte aller griechischen Steuereinnahmen. Alljährlich zahlt Brüssel an jeden griechischen Haushalt die Summe von umgerechnet 4000 Mark, Tendenz steigend.

Ein beträchtlicher Schock muß es für die Griechen gewesen sein, als ihnen im Frühsommer 1992 Jacques Delors, der Präsident der Europäischen Kommission, ihren Mißerfolg vorhielt: "Griechenland muß in Europa mitreden, aber nicht nur um seine Forderungen zu präsentieren." Die Griechen schaffen den Anschluß an die Partner nicht. Beim EG-Beitritt vor zwölf Jahren waren sie reicher als Portugal, jetzt sind sie das Schlußlicht. Sie haben das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen, die geringste Produktivität und die höchste Inflation. Stefanos Manos, bis zur verlorenen Wahl im Oktober konservativer Wirtschaftsminister, fürchtet schon: "Wir bleiben so weit zurück, daß wir die Solidarität unserer Partner gefährden."

"Unsinn", halten andere dagegen, "wir sind reicher als die Briten, von den Portugiesen ganz zu schweigen." Mindestens vierzig Prozent müsse man zum Sozialprodukt hinzurechnen, um die Realität wiederzugeben. Denn der Polizist fährt nach Feierabend Taxi, der Beamte hat nach Büroschluß um halb vier einen Nebenjob, der Lehrer mit seinen tausend Mark Gehalt im Monat unterrichtet zu Hause Privatschüler, der Handwerker weigert sich, eine Rechnung auszustellen. Schwarzarbeit und Steuerbetrug gibt es auch im Westen Europas, aber nirgends in der EU ist die Schattenwirtschaft ähnlich stark.

Athen kennt keine Bettler, statt dessen prägen große Limousinen das Straßenbild. Nirgendwo sind so viele BMW pro Kopf der Bevölkerung zugelassen wie in Griechenland. Der Verkehr in der Hauptstadt steht täglich kurz vor dem Kollaps.

Der Letzte geht an die Spitze – Seite 2

Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich Griechenlands Rückstand. Noch immer ist es oft tagelang unmöglich, während der Bürostunden ins Ausland zu telephonieren. Wichtige Fernstraßen sind in erbarmungswürdigem Zustand. Die private Industrie steuert nur bescheidene 12,5 Prozent zum Sozialprodukt bei. Die Banken verdienen viel Geld, aber das Zahlungssystem ist archaisch. Notgedrungen begleicht der Grieche Sozialversicherungsbeiträge, Arzthonorare, Strom- oder Telephonrechnungen mit Bündeln von Bargeld.

Lange ging Athen mit den Brüsseler Milliarden um, als schulde es dafür niemandem Rechenschaft. Hier wurde ein Kirchendach geflickt, da ein Gesundheitszentrum eröffnet, dort ein überflüssiger Kongreßpalast gebaut – und lange Jahre wies niemand darauf hin, woher das Geld stammte. Erst reichlich spät bemerkte die Kommission, daß ihr Geld vor allem den politischen Freunden der Regierenden zugute kam. In Athen war zu hören, Verplempern und Verschenken gehöre der Vergangenheit an, Gefälligkeitsprojekte hätten keine Chance mehr. Sicher, Griechenlands ungünstige Geographie, seine periphere Lage und die unzähligen Inseln treiben die Kosten jedes Planes zur regionalen Entwicklung in die Höhe. Und die Griechen fügen immer wieder ein Argument hinzu: Um gegen türkische Aggressionen gewappnet zu sein, müsse man leider sieben Prozent des Sozialprodukts für Militärausgaben reservieren, mehr als jedes andere Land in der Nato.

Aber was man auch in Athen längst weiß, was man nur nicht gerne ändert: Das größte Hindernis auf dem Weg zu einem modernen Staat ist der Staat selbst. Jeder mißtraut ihm und betrügt ihn, aber alle drängen in den Staatsdienst. Omnipräsent und ineffizient, lautet das häufigste Urteil über die Arbeit der Bürokratie. Es gilt nicht nur für die Behörden, sondern auch für Staatsunternehmen und öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schulen. "Kein vernünftiger Grieche schickt seine Kinder auf eine staatliche Schule", versichert ein Athener.

Auf einen nicht minder lähmenden Effekt verweist Vasso Papandreou, bis Ende 1992 Mitglied der Brüsseler Kommission: Der Staatsapparat ist fest in der Hand der jeweils regierenden Partei. Die sozialistische Abgeordnete, nicht verwandt mit dem Regierungschef, fordert: "Wir müssen zuerst den Staat von den Parteien unabhängig machen. Sonst schaffen wir es nicht."

Doch es wäre ein Jahrhundertwerk, mit dem eingefahrenen Klientelsystem aufzuräumen, zu dem auch eine gutes Stück Nepotismus gehört. Nicht nur Freunde werden ungeniert versorgt, vor allem die eigene Familie wird alimentiert. Als der konservative Premier Konstantin Mitsotakis Frau und Tochter mit Regierungsämtern betraute, schrie die Linke auf. Doch kaum war der Sozialist Papandreou an der Macht, holte er seine Frau ins Vorzimmer und den Sohn in die Regierung. "Eher werden andere Länder zum Parteienstaat, als daß wir uns in die entgegengesetzte Richtung entwickeln", glaubt der Politologe Dimitris Charalambis von der Universität Athen.

Als Bremse für die Entwicklung betrachten viele Griechen zudem die orthodoxe Kirche. Sie ist im Prinzip keine Staatskirche. Doch in Griechenland sind Religion und Staat eng verflochten, nicht nur weil sich fast jeder Grieche zur Orthodoxie bekennt, sondern weil sie in hohem Maße nationale Identität stiftet.

Die Kirche ist ein Pfeiler des Staates; ungeniert kungelt sie mit den Mächtigen. Der Athener Erzbischof Seraphim vereidigte zur Zeit der Militärdiktatur die Obristen mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf die Bibel wie jetzt den Sozialisten Papandreou und die Abgeordneten. Als es im vergangenen Jahr zu Massendemonstrationen gegen eine Anerkennung der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien kam, marschierten die orthodoxen Bischöfe vorneweg und stachelten nationalistische Gefühle an. Kritiker bemängeln denn auch die Realitätsferne und den Antimodernismus eines Klerus, der sein Gehalt aus der Staatskasse bezieht.

Der Letzte geht an die Spitze – Seite 3

Wissen die Griechen, was sie an Europa haben? "Wir haben ein hysterisches Verhältnis zu Europa", erklärt Thanos Lipowatz, "es ist geprägt von Anziehung und Abstoßung." Der Professor für politische Psychologie verweist auf griechische Ängste, in Europa die eigene Identität zu verlieren. Doch gleichzeitig gilt der ökonomische Imperativ – und der scheint Volkes Meinung stärker zu beeinflussen. Inzwischen künden überall im Land die blauen Schilder mit den zwölf goldenen Sternen davon, daß mit Geld aus Brüssel gebaut wird. Die Mittel für die Riesenbaustelle der Athener U-Bahn kommen zum größten Teil aus dem Gemeinschaftstopf. Den Bauern ging es noch nie so gut, achtzig Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugung sind bezuschußt, nie war die Produktion von Olivenöl so einträglich. Da verwundert es nicht, daß sich die Griechen bei Umfragen in ihrer positiven Einstellung zu Europa von niemandem übertreffen lassen.

Auch die sozialistische Abgeordnete Papandreou versichert: "Die Menschen hier fühlen sich mehr Europa als dem Balkan zugehörig." Doch Griechenland hat keine gemeinsame Grenze mit einem anderen Staat der Europäischen Union. Das Gefühl, vom Westen trotz der stolzen Geschichte bloß als Wurmfortsatz Europas betrachtet zu werden, tut weh. Es ist sicher mehr als ein Zufall, daß der freundliche Passant am Flughafen fragt: "Bleiben Sie im Land, oder fliegen Sie nach Europa?".