Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich Griechenlands Rückstand. Noch immer ist es oft tagelang unmöglich, während der Bürostunden ins Ausland zu telephonieren. Wichtige Fernstraßen sind in erbarmungswürdigem Zustand. Die private Industrie steuert nur bescheidene 12,5 Prozent zum Sozialprodukt bei. Die Banken verdienen viel Geld, aber das Zahlungssystem ist archaisch. Notgedrungen begleicht der Grieche Sozialversicherungsbeiträge, Arzthonorare, Strom- oder Telephonrechnungen mit Bündeln von Bargeld.

Lange ging Athen mit den Brüsseler Milliarden um, als schulde es dafür niemandem Rechenschaft. Hier wurde ein Kirchendach geflickt, da ein Gesundheitszentrum eröffnet, dort ein überflüssiger Kongreßpalast gebaut – und lange Jahre wies niemand darauf hin, woher das Geld stammte. Erst reichlich spät bemerkte die Kommission, daß ihr Geld vor allem den politischen Freunden der Regierenden zugute kam. In Athen war zu hören, Verplempern und Verschenken gehöre der Vergangenheit an, Gefälligkeitsprojekte hätten keine Chance mehr. Sicher, Griechenlands ungünstige Geographie, seine periphere Lage und die unzähligen Inseln treiben die Kosten jedes Planes zur regionalen Entwicklung in die Höhe. Und die Griechen fügen immer wieder ein Argument hinzu: Um gegen türkische Aggressionen gewappnet zu sein, müsse man leider sieben Prozent des Sozialprodukts für Militärausgaben reservieren, mehr als jedes andere Land in der Nato.

Aber was man auch in Athen längst weiß, was man nur nicht gerne ändert: Das größte Hindernis auf dem Weg zu einem modernen Staat ist der Staat selbst. Jeder mißtraut ihm und betrügt ihn, aber alle drängen in den Staatsdienst. Omnipräsent und ineffizient, lautet das häufigste Urteil über die Arbeit der Bürokratie. Es gilt nicht nur für die Behörden, sondern auch für Staatsunternehmen und öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Schulen. "Kein vernünftiger Grieche schickt seine Kinder auf eine staatliche Schule", versichert ein Athener.

Auf einen nicht minder lähmenden Effekt verweist Vasso Papandreou, bis Ende 1992 Mitglied der Brüsseler Kommission: Der Staatsapparat ist fest in der Hand der jeweils regierenden Partei. Die sozialistische Abgeordnete, nicht verwandt mit dem Regierungschef, fordert: "Wir müssen zuerst den Staat von den Parteien unabhängig machen. Sonst schaffen wir es nicht."

Doch es wäre ein Jahrhundertwerk, mit dem eingefahrenen Klientelsystem aufzuräumen, zu dem auch eine gutes Stück Nepotismus gehört. Nicht nur Freunde werden ungeniert versorgt, vor allem die eigene Familie wird alimentiert. Als der konservative Premier Konstantin Mitsotakis Frau und Tochter mit Regierungsämtern betraute, schrie die Linke auf. Doch kaum war der Sozialist Papandreou an der Macht, holte er seine Frau ins Vorzimmer und den Sohn in die Regierung. "Eher werden andere Länder zum Parteienstaat, als daß wir uns in die entgegengesetzte Richtung entwickeln", glaubt der Politologe Dimitris Charalambis von der Universität Athen.

Als Bremse für die Entwicklung betrachten viele Griechen zudem die orthodoxe Kirche. Sie ist im Prinzip keine Staatskirche. Doch in Griechenland sind Religion und Staat eng verflochten, nicht nur weil sich fast jeder Grieche zur Orthodoxie bekennt, sondern weil sie in hohem Maße nationale Identität stiftet.

Die Kirche ist ein Pfeiler des Staates; ungeniert kungelt sie mit den Mächtigen. Der Athener Erzbischof Seraphim vereidigte zur Zeit der Militärdiktatur die Obristen mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf die Bibel wie jetzt den Sozialisten Papandreou und die Abgeordneten. Als es im vergangenen Jahr zu Massendemonstrationen gegen eine Anerkennung der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien kam, marschierten die orthodoxen Bischöfe vorneweg und stachelten nationalistische Gefühle an. Kritiker bemängeln denn auch die Realitätsferne und den Antimodernismus eines Klerus, der sein Gehalt aus der Staatskasse bezieht.