Der Tod sei, wie wir hören, ganz plötzlich gekommen – wie denn auch sonst bei diesem Zeitgenossen, der, wenn er sein berstendes Lachen durch den Flur schallen ließ, die Vitalität in Person zu sein schien. Hans-Georg Rauch starb einen Tag vor Heiligabend, 54 Jahre alt, zu Hause in Worpswede. Doch wie nicht selten bei Rauhbauzen war er ein empfindlicher Mensch; unter Umständen ließ er es einen über ein Jahr (oder zwei) spüren, daß man einmal eine seiner wöchentlichen Zeichnungen auf dieser Seite zu klein druckte, VIEL ZU KLEIN! Sie hießen, weil sie es waren: Zeitzeichen.

War Hans-Georg Rauch ein Karikaturist? Gewiß, und er wurde, was ihm nicht unwichtig war, auch im Nebelspalter und in der New York Times gedruckt. Doch da dieser Beruf auf einer leicht angebrochenen Leitersprosse der Künste balanciert, ließ er sich am liebsten einen satirischen Zeichner nennen, das ist nach einem alten Verdeutschungswörterbuch ein "Spötter, spottwitziger Dichter, die Witzgeißel schwingender Schriftsteller", sprich Zeichner. Bei ihm bekamen selbst die als L’art pour l’art, aus reiner Lust gezeichneten Blätter unversehens (aber erhofft) "einen Sinn", einen aggressiven, erschreckenden, auf die Menschheitbedrohung weisenden, manchmal auch einen albernen Inhalt.

Er war kein Unterhaltungs-, sondern ein Gesinnungskünstler. Er wollte zum Denken anstacheln, Gefühle wecken, er forderte Stellungnahmen. Darin liegt auch sein Unterschied zu Sempé, zu Paul Flora, zu Steinberg, den er sein Vorbild genannt hatte. Er war nicht heiter, er war ernst. Er scheute sich auch gar nicht seiner "Deutschgründelei". Er wollte ja immer "hinter die Dinge schauen", dem nicht auf Anhieb Sichtbaren auf die Spur kommen, es in Metaphern kleiden. Bisweilen verschlüsselte er seine Botschaft so kompliziert, daß das Rätsel sich kaum noch lösen ließ, mitunter auch gar nicht oder ganz anders – etwas, das ihm nicht selten beim Zeichnen schwante. Wer zu bequem war, sich in derlei Rauchsche Gedanken-Abenteuer hineinzusehen, hatte in seinen Zeichnungen nichts verloren. Es waren ja auch Lesebilder, die man, ehe man in ihre Syntax eindringt und ihrem Inhalt nachspürt, buchstabieren muß – um sie "verstehen", womöglich genießen zu können. "Ach", sagte er, "ich bin ja nicht grundsätzlich gegen Mißinterpretationen – wenn sie nur interessant sind. Meistens hatte ich sie schon selber im Kopf..."

Wo andere Satiriker, vor allem die Spötter und die Ironiker, mit scheinbar simplen Strichbewegungen in der Ideen- und Verhaltenswelt der Menschen herumgaukeln und schalkhafte Anmerkungen machen, stürzte sich Hans-Georg Rauch mit einem Tremolo an Schraffuren in die wirkliche, die grausame, die unbegreifliche, böse Menschenwelt. Sie war sein Thema, auch wenn er sich bei Ausfliegen auf scheinbar harmloseres Terrain begab, zum Beispiel in die Architektur, wo er aber dann auch ganz seltsame Geschichts- und Zivilisationsschuttwolken aufwirbelte.

Wie oft er uns auch in verzweifelte Ratlosigkeit gestürzt hat: Wir werden es vermissen, nach elf intensiven Jahren. Ganz verschwinden wird er niemals: Wir haben ja die Schatztruhen seiner Bücher. M. S.