Von Heiner Uber

Wer Tennis spielt, lernt fürs Leben. Und wer gut Tennis spielt, lernt besonders viel fürs Leben. Beispielsweise, wie man seine Gegner narrt. Dank Longlines, Lobs und Cross-Schlägen wird der Mensch auf dem Court fit für alle Finten im richtigen Leben: Von solch einem Fall ist zu berichten.

Es handelt sich, wie leicht zu erraten, beim Helden der Geschichte um den fintenreichen Boris, dem eines Tages die junge Frau Feltus begegnete, so daß es kam, wie es nicht anders kommen konnte: Liebe, größere Liebe, schließlich große Liebe. Zum ganzen Glück fehlte nur noch die Hochzeit. Dies fühlte man von Bild-Hamburg bis Bild-München und von Boris bis Babs. Die Frage war nur noch, wann und wo.

Babs und Boris wollten in diesem Punkt nicht mit der Wahrheit an den Tag, was weiter nicht verwundert, zumal auf dem Tennisplatz auch nicht groß angekündigt wird, in welches Eck der nächste Ball geht. Man tappte also im dunkeln, ein besonders für die Boulevardreporter unerträglicher Zustand. Nicht anders ist es zu erklären, daß die ersten Schneeschauer dieses Winters den delphischen Blick der Kollegen in die Berge lenkte, bis er in Kitzbühel hängenblieb. Und mit einem Mal schien es auch ausgemachte Sache, daß das Finale zwischen Babs und Boris im schönen Tirol ausgetragen werden sollte. Regenbogenfarbene Mutmaßungen schlossen ob der kurz bevorstehenden Niederkunft des Becker-Babys auch schon das exakte Datum ein und auch, wer Trauzeuge sein sollte: Franz Beckenbauer. Und wer eigens zum großen Ereignis aus dem heißen Marokko ins kalte Kitzbühel kam: Prinzessin Hetty von Auersperg. Und wer nicht zur Hochzeit geladen wurde: Charly Steeb, Eric Jelen, Steffi Graf.

Allein die Jet-set-Trubel gewöhnten Kitzbüheler nahmen die Sache halb so ernst. In den Schaufenstern der Sportgeschäfte stapelten sich Ski und Skistiefel, von Tennisschuh und Tennisschläger nichts zu sehen. Weder Photos von Boris und Babs noch "Hoch sollen sie leben" und auch kein Centre Court aus Marzipan als Hochzeitstorte in der Auslage des Konditors. "Des is doch a Schmäh", meinte ein skeptischer Einheimischer. Und auch beim Fremdenverkehrsamt wie beim Bürgermeisteramt wußte man von nichts. "Durfte man nichts wissen, wollte man nichts wissen", dachte sich mancher Reporter schlau und hatte schon wieder ein Indiz dafür, daß es mit der Hochzeit hier und jetzt höchste Zeit sei.

Indizien gab es zuhauf. Da wurde kurz hinter Kufstein auf der Autobahn ein Kombi mit den bunten Buchstaben von RTL gesehen, und in Kitzbühel selbst düste ein Auto von Antenne Bayern auf und ab. In München hatte der Bild-Reporter Frau Feltus entdeckt, wie sie mit zum Zopf geflochtenem Haar einen Friseursalon verließ. Fast zur selben Zeit wurde in einer Hotelhalle der Hochspringer und Becker-Freund Carlo Thränhardt, neben sich einen frisch gebügelten schwarzen Anzug auf einer Sporttasche liegend (und auf dem Weg nach Kitzbühel?), enttarnt. Sogar der Himmel, der in solchen Fällen seinen Segen geben soll, zeigte sich in Hochzeitslaune und kippte tennisweißen Schnee über Kitzbühel, Hahnenkamm und Kitzbüheler Horn in einen einzigen Hochzeitsschleier hüllend.

Wenn das nicht der Zeichen genug waren. Zudem hatte Bild auch noch herausgefunden, daß die Jahrhunderthochzeit in Sankt Ruppert stattfinden werde, wohl bestätigt durch die Wirtin vom gegenüberliegenden Hallerwirt, die von "ana Reservierung für a g’schlossene G’sellschaft von rund zwanzig Leid" erzählte. Unversehens waren die Kitzbüheler doch noch vom Hochzeitsfieber infiziert worden. Da wußte ein Gerücht plötzlich von der bevorstehenden Hochzeitsnacht im Schloßhotel Lebenberg und vom Hochzeitsmahl beim Stanglwirt in Going. Und beim ersten Friseur am Platz verriet eine Angestellte, daß man sich "scho g’freit hätt’, wann d’ Frau Becker ihren Zopf hätt’ hier flechten hätt’ lassen". Aber man könnt’s ja verstehen, "wann sa sich für an Prominentenfriseur in München entschied".