Von Wolfgang Köhler

Als sich die Zinssätze in Amerika und Japan im vergangenen Sommer ihren vorläufigen Tiefpunkten näherten, wagte die Redaktion der britischen Fachzeitschrift Euromoney einen außergewöhnlichen Schritt: Das Fachblatt, das seine Leser sonst mit Neuigkeiten’vom internationalen Markt für Regierungsanleihen und Unternehmenskredite zu unterhalten versteht, widmete erstmals eine ganze Ausgabe einem einzigen, dazu noch einem fachfremden Thema – der Aktie. Der Grund, so die Prophezeiung der Redaktion: Der Aktie stehe eine glänzende Zukunft bevor.

Wenige Monate später, nach einem Anstieg des Welt-Aktienindex um über zwanzig Prozent innerhalb eines Jahres – und das mitten in einer tiefen Rezession fragen sich nicht nur ängstliche Naturen, ob die Börsianer völlig außer Rand und Band geraten sind. Selbst manche erfahrenen Marktbeobachter halten Aktienmärkte – wie den deutschen – für spekulativ überhitzt, an denen das Zwanzig- bis Fünfundzwanzigfache des erwarteten künftigen Gewinns beim Kauf einer Aktie bezahlt werden muß. Steht den Börsen damit ein neuer Crash bevor? Oder signalisiert der steile Kursanstieg den Beginn einer goldenen Aktienära?

Nüchtern betrachtet, gab es drei handfeste Gründe für den fast weltweiten Höhenflug der Aktienkurse. Erstens sind wegen der tiefen und teilweise hartnäckigen Rezession die Zinsen in vielen Ländern extrem gesunken. Die japanische Notenbank sah sich wegen der prekären wirtschaftlichen Lage des Landes gezwungen, den Diskontsatz auf 1,75 Prozent zu senken. Damit liegt er noch unter dem Niveau zur berüchtigten Zeit des billigen Geldes und des Spekulationsfiebers in den späten achtziger Jahren. In den Vereinigten Staaten, die sich inzwischen schon wieder in einer Aufschwungphase befinden, sind die Geldmarktzinssätze für kurzfristige Ausleihungen auf den niedrigsten Stand seit den frühen sechziger Jahren gefallen.

Die US-Investoren trieben auf der Suche nach Anlagealternativen zu Schatzwechseln und Staatsanleihen nicht nur die Kurse an der Wall Street in vorher unbekannte Höhen, sondern kauften in großem Umfang ausländische Aktien. Auch die deutsche Börsenhausse kam erst so richtig in Fahrt, als ausländische Investoren die Jagd auf heimische Dividendenwerte eröffneten.

In Europa, wo der Tiefpunkt des Konjunkturzyklus erst mit Verspätung erreicht wurde, haben die Kosten der deutschen Vereinigung ein rasches Absinken der kurzfristigen Zinsen verzögert. Doch auch hier dokumentieren die Terminmärkte die Erwartung weiter schrumpfender Raten.

Zweitens deuten viele Anzeichen darauf hin, daß sich die Ertragslage der Unternehmen verbessert. Produktivitätsfortschritte und geringere Zinslasten führten bei amerikanischen Unternehmen schon 1992 zu Gewinnsteigerungen von durchschnittlich fast 30 Prozent (ohne Finanzsektor), obwohl die Wirtschaft insgesamt nur um nominal 5,5 Prozent wuchs. Inzwischen sind die europäischen und japanischen Unternehmen dabei, ihre Kosten mit Hilfe von Entlassungen, Werksschließungen und Reallohnkürzungen zu senken. So erwarten viele Banken und Börsenspezialisten bei deutschen Unternehmen 1994 Gewinnsteigerungen von 25 bis 30 Prozent, selbst wenn die Wirtschaft insgesamt nur um real ein Prozent wachsen sollte.