Abgesehen von der Ejakulation in die Scheide, den Mund oder das Rektum der Frau", will André Breton von seinen Kollegen wissen, "wo würden Sie diese Ejakulation gern stattfinden lassen, in der Reihenfolge Ihrer Vorliebe?" Benjamin Péret macht’s am liebsten "1. in die Achselhöhlen, 2. zwischen die Brüste, 3. auf den Bauch." Raymond Queneau hingegen will nur "zwischen die Brüste. Nichts anderes." Pierre Unik tendiert in dieselbe Richtung. Jacques Prévert bevorzugt den Rücken, den Hals und ein nicht weiter spezifiziertes "Anderswo". Yves Tanguy wiederum hält sich an den Bauch und die Füße, während Marcel Duhamel über den Hintern und den beliebten Ort zwischen den Brüsten in die Achselhöhlen zurückkehrt.

Die Herren sind nicht eben zimperlich, obwohl wir uns die noch delikateren Ortsangaben versagt haben. Von der vaginalen über die orale zur rektalen Ejakulation: Schon die Bandbreite des sexuellen Normalfalles wird ziemlich liberal bestimmt. Und auch sonst nimmt man kein Schamblatt vor den Mund. Von den Vorzügen der rasierten Scham und der Schande der unrasierten; über die Freuden des Urinierens und die Verheißungen des Analverkehrs bis zu den unvermeidlichen Positionsbestimmungen, wieoftwiefrühmitwemundwievielen – nichts Menschliches ist den Beiträgern dieser Sexualprotokolle fremd. Irgendwo zwischen den "120 Tagen von Sodom" und einem surrealistischen Kinsey-Report sind ihre Berichte anzusiedeln.

Tatsächlich handelt es sich um Protokolle, oft genug wagt man’s kaum zu glauben, um Gesprächsprotokolle mit präziser namentlicher Zuschreibung, auch bei Themen, wo eine strafrechtliche Verfolgung nicht auszuschließen war. Ein Stück sexueller Dokumentarliteratur, so konkret, direkt und unzensiert, daß es auch eigene Recherchen inspirieren kann.

Zwischen Januar 1928 und August 1932 sind etliche Surrealisten oder ihnen zeitweilig nahestehende Autoren und Künstler, angeregt von ihrem Programmatiker André Breton, zu zwölf "Gesprächen über die Sexualität" zusammengekommen, Aragon und Artaud, Eluard und Max Ernst, Prévert und Queneau, Man Ray und Yves Tanguy... Ursprünglich waren alle Protokolle für die Veröffentlichung bestimmt. Schließlich wurden nur die beiden ersten, allerdings umfänglichsten und keineswegs diskretesten, in der Zeitschrift La revolution surrealiste publiziert. 65 Jahre hat es gedauert, bis jetzt erstmals alle Texte ein deutsches Publikum erreichen können.

Ausdrücklich sollte es sich um "Recherchen über die Sexualität" handeln – die Liebe blieb einer weiteren Enquete vorbehalten. Die deutsche Übertragung des Themas ins "Reich der Sinne" verwässert das etwas ins Reichartig-Ungefähre. Paul Eluard beharrt: "Das ist eine Untersuchung über die Sexualität und nicht über die Liebe." Und selbst Breton stimmt zu: "Diese Untersuchung hat kein anderes Ziel, als der Sexualität den Platz in der Liebe einzuräumen, der ihr gebührt." Denn war nicht das sexuelle Begehren eine jener Potenzen, denen man die Subversion des verhaßten bürgerlichen Systems, der Ordnung der Väter, der Werte von Familie, Religion und Vaterland zutrauen konnte?

Die surrealistische Bewegung verstand sich jedenfalls immer, auch als sie sich deutlicher politisch orientierte, als kulturrevolutionäre Bewegung. Neben "Marx" sagte sie "Freud" – mit dem eine sexuelle Revolution am allerwenigsten zu machen gewesen wäre – und meinte eher "Reich". Die bürgerlichen Fragen nach Ehe und Kindern, Treue und Eifersucht konnten unter diesen Umständen weitgehend draußen bleiben. Den Fortpflanzungswahn überließ man dem strammen Pflichtgefühl des sexualverantwortlichen Philisters. Aber auch von den fest geschlossenen Reihen der KPF war kaum etwas anderes als revolutionär vorbildliche Sexualgymnastik zu erwarten.

Die Fixierung auf die Sexualität allerdings hatte ihre Tücken; wie sehr, legen die Protokolle offen. Das ist neben ihrer tabufreien Offenheit, dem Einblick, den sie in die Intimbiographie einiger literarischer und künstlerischer Zelebritäten und die Atmosphäre einer kulturrevolutionären Bewegung gewähren, ihr größter Vorzug.