Von Karl-Heinz Janßen

Auschwitz wird uns auch ins neue Jahr begleiten. Auschwitz, diese Jahrhundertkatastrophe, ist wie ein Schatten, den wir Deutsche nicht abschütteln können. Und da es unbequem und lästig ist, mit ihm zu leben und immer wieder auf ein Ereignis gestoßen zu werden, das vorzustellen der Verstand sich sträubt, wird uns auch die Auschwitz-Lüge immer wieder begegnen. Drohender und auftrumpfender denn je.

Fester Bestandteil rechtsradikaler Propaganda war seit eh und je das Leugnen der deutschen Schuld an den Menschheitsverbrechen in den dreißiger und vierziger Jahren, für die Auschwitz als Symbol steht. In den letzten Monaten ist die Flut antisemitischer Hetzschriften, die sich von Dänemark, aus der Schweiz, den USA und aus Kanada über unsere Grenzen ergießt, noch angestiegen. Warum gerade französische, amerikanische und englische Autoren es sind, die uns mit einem erstaunlichen Engagement – schreibend, redend, reisend – unbedingt beweisen wollen, daß es keine Gaskammern gegeben habe und auch niemals Millionen Juden umgebracht wurden, hat jüngst Walter Reich in der New York Times Book Review einleuchtend begründet:

„Wenn jenes Verbrechen das unmittelbare Ergebnis eines Antisemitismus, seine logische Vollendung war, dann ist der Antisemitismus, selbst wenn man ihn in einer privaten Unterhaltung zum Ausdruck bringt, bei den meisten Menschen unvermeidlich diskreditiert.“ Die Opfer des Holocaust sollen gar nicht existent sein, damit man um so besser auf die lebenden Juden einschlagen kann. Unser Gesetzgeber hat also recht daran getan, die Auschwitz-Lüge unter Strafe zu stellen.

Politiker und Publizisten trösten sich bisweilen mit dem Befund, daß es doch seit 1949 immer nur eine kleine Minderheit unserer Gesellschaft war, die diesem neuen Antisemitismus anhängt. Und hatten Bund und Länder, Parteien und andere Gruppen nicht alles – vielleicht sogar schon zuviel – getan, um das Andenken der Holocaust-Opfer zu bewahren? Aber Umfragen aus den USA lassen einen denn doch nachdenklich werden:

Im selben Jahr, da in Washington das Holocaust-Museum eröffnet wurde, hielt von drei Amerikanern einer es für durchaus möglich, daß es gar keinen Holocaust gegeben hat. Nach einer anderen Erhebung sind es 20 Prozent der Oberschüler und 22 Prozent der Erwachsenen, die so denken. Bernhard Levin in der Londoner Times hat bereits vor so viel Ignoranz resigniert: Sie werde weiter zunehmen.

Wir Deutsche, das Volk der Täter, können uns freilich nicht mit der Erklärung zufriedengeben, gegen Leugnen oder Vergessen sei, kein Kraut gewachsen. Denn auf das schlechte Gedächtnis der Menschen zielen die Aktivitäten der Alt- und Neonazis. Fortgesetzt melden sich bei unserer Redaktion verunsicherte Leser, die in ihrem Briefkasten unerbetene Post antisemitischen Inhalts, zumeist mit anonymem Absender aus Kalifornien, vorgefunden haben oder auch die unsäglichen Remer-Briefe, vertrieben von jenem alträdikalen Generalmajor Otto E. Remer, der noch heute von dem fragwürdigen Ruhm zehrt, am 20. Juli 1944 in Berlin auf Befehl Hitlers den Putsch niedergeschlagen zu haben.