Von großen und spektakulären Hilfsaktionen ist oft die Rede; daß es auch ganz unauffällige, "kleine" und dadurch besonders berührende Hilfe gibt, bleibt meist im verborgenen.

So die geradezu heroische Rußlandreise der 75jährigen Münchener Pastorenwitwe Brigitta Mund. Den Brustbeutel voller Geld, die Tasche voller Medikamente, den Koffer voller Kleidungsstücke, reiste sie mit einer kleinen Gruppe auf eigene Kosten bis hinter den Ural. Ziel war das Städtchen Pawlodar am südsibirischen Fluß Irtysch, 2000 Kilometer hinter Alma Ata. Sie wollte helfen. Sie wollte nicht spenden, ohne zu wissen, wo jemand was – oder nichts – bekommt. Die Aussicht auf eine strapaziöse Reise ohne Bett, Dusche und gewohntes Essen schreckte die 75jährige, deren Eltern aus der Ukraine stammten und 1918 geflüchtet waren, nicht: "Ich bin nicht zartbesaitet, ich bin eine Kosakentochter."

Den Anstoß zu der Reise hatte eine Enkeltochter gegeben, die kein Geburtstagsgeschenk wollte: "Gib das Geld lieber einem kasachischen Kind." So begann Brigitta Mund zu "schnorren", bei Freunden und Bekannten: "Und dann habe ich fast 3000 Mark zusammengehabt und habe die mir auf den Bauch gebunden und bin nach Rußland gefahren."

"Je älter ich wurde", sagt die 75jährige, "um so mehr hat mich interessiert: Wie leben die Menschen dort heute? Denn ich könnte ja jetzt da unten leben; meine Mutter ging bei der Flucht mit mir im fünften Monat. Da können Sie sich vorstellen, wie diese Flucht war. Und das hat mich einfach interessiert: Wie leben die, was haben die durchgemacht – was ich ja eigentlich hätte durchmachen können."

Es gab Paß-Schwierigkeiten, Visa-Schwierigkeiten – nichts konnte Brigitta Mund abhalten, und irgendwann stand die kleine Gruppe – "drei Männer und ich" – ohne Telephonverbindung, ohne Kontaktperson verloren im eisigen Wind auf dem winzigen Flugplatz von Semipalatinsk: "Da standen wir über eine Stunde in diesem Wüstenwind, es war kalt – und was machen wir nun? Das Gepäck vor allen Dingen und die Medikamente, die wir dabeihatten. Es waren für ein paar tausend Mark Medikamente."

Schließlich kamen zwei junge Kasachen auf die Gruppe zu und boten an, sie ins Hotel zu fahren. Doch sie wollten nicht ins Hotel, sie wollten nach Pawlodar. Nach langem Hin und Her bot einer der Kasachen an, sie zu fahren – "mit so einem alten klapprigen Wagen". Es wurde verhandelt über Preise, und nach vielen Stunden Verhandeln und Packen – das Gepäck mußte oben auf den Gepäckträger, der war aber nur provisorisch mit Bindfaden festgebunden – fuhren sie los. Brigitta Mund sagt: "Da war es so kurz nach zwölf, Mitternacht. Ich habe natürlich Höllenängste ausgestanden. Der Mann kann uns raussetzen, mitsamt dem Gepäck davonfahren, und wir sitzen in der Wüste, es ist ja kein Haus, kein Baum, kein Strauch da." Sie fuhren durch stockdunkle, stockwilde Gegend – "das ist die Steppe, und da sind uns auch Wölfe begegnet, also das ist kein Witz, wirklich".

Die Kosakentochter kam durch. Sie klopfte in Pawladar an die Hütten, verteilte Medikamente, betete neben einer Sterbenden knieend das Vaterunser: "Sie hatte ein Kämmerchen, es war eine Küche davor, Flur gibt es nicht, man kommt gleich von draußen rein. Es war ein Holzhaus, so eine Hütte mehr. Wir kamen in dieses Kämmerchen, wo die sterbende Frau lag. Dunkel, schmuddelig, sie haben ja kein Seifenpulver, ich habe auch sehr viel Toilettenseife mitgenommen. An den primitivsten Mitteln fehlt es, was wir uns überhaupt nicht vorstellen können. In diesen Hütten gibt es kein fließendes Wasser. Als Heizmaterial Holz oder diese Kohle, nasse Steinkohle oder wie die sich nennt, die wir nach 1945 in Berlin auch hatten."