Die Zeitungen müssen noch raus, Pfadfinder sammeln Altpapier, ganze Stapel, was man alles mal lesen wollte! Ist man als Redakteur allerdings auch rein arbeitsstandrechtlich zu verpflichtet, ich meine, bei so vielen Dienst-Abonnements. Der Waldschadensbericht, die Friedenschancen für Bosnien, Chaos in Moskau. Oder die Rezension der Thatcher-Memoiren, klang durchaus wichtig. Und dann noch dieser Essay da, Mathilde Ludendorff über Willy Brandt zum Achtzigsten, nein, nicht Ludendorff, sondern Dings, Dings... ach, Gott.

Auch was man sich von den Seiten hintenrum so aufgehoben hatte, Vermischtes – Lübecker Frührentner (56) erschlug seine Verlobte (65), köpfte sie und vergrub den Torso "in einem bayerischen Forst". Schüler (19) tötete seinen Vater (40) und dessen Freundin (34) mit 80 Messerstichen. "Der alkoholisierte Täter stand kurz vor dem Abitur." – "Vitamin E gut fürs Herz."

Aber dann doch noch was, dem man mal nachgehen müßte. Was zum Jahresende. Was zum Seltsamwerden. Überreste von Riesen-Pinguinen entdeckt – auf einer argentinischen Insel namens Marambio gleich neben dem Südpol –, einssiebzig groß und 45 Millionen Jahre alt. Riesen-Pinguine! Vielleicht waren sie auch noch viel größer als einssiebzig. Einsneunzig oder gleich drei Meter. Vielleicht haben die Damen und Herren des Museums für Naturwissenschaften der Stadt La Plata ja nur einen ganz kleinen von den Riesen-Pinguinen entdeckt, ich meine, das wäre doch möglich.

Wunderbar, sich diese Drei-Meter-Pinguine vorzustellen: Wie sie dort stehen, still und magisch, fast wie die Steingötzen der Osterinseln. Vom Südpol aus hätten sie wahrscheinlich langsam die ganze Erde besiedelt. Überall hätten sie dann so herumgestanden, die großen, weisen Vögel. Pinguine überhaupt – die charmantesten Tiere, die es gibt! Ihr sanftes, treues Wesen, ihr Gemeinsinn, ihre alten Tugenden und neuen Werte, ihre intelligenten Füße, eines der ganz wenigen Geschöpfe mit wirklich intelligenten Füßen. Bezaubernd, sagte man hoch in den fünfziger Jahren, bevor die Achtundsechziger auch das zerstört haben. Aber es stimmt immer noch. Und alles hätten die ersten Menschen, und mit den Jahren auch die zweiten und dritten, ausgerottet, alles Urgetier (wenn es denn bis zum Morgen der Menschheit durchgehalten hätte), Saurier, Archeopterixe – alles weg! Weg! Aber die Riesen-Pinguine? Das hätten sie niemals gewagt!

Unsere erstarrt, da bin ich mir ganz sicher. Sie hätten diese wunderbaren Vogelwesen angestarrt mit ihren neandertalerartigen Glubschaugen, angebetet, verehrt. Herumgerutscht wären sie vor ihnen, hätten demütig die Eier warmgehalten, die Küken behütet. Demütig wäre der Mensch großgeworden. Still und umgänglich hätte er sich im Reich der Riesen-Pinguine ein bißchen zivilisiert. Ein bißchen Feuer gemacht und ein bißchen mit dem Rad gerollt, ein bißchen die Höhlen vollgemalt und ein bißchen auf dem Meer rumgegondelt; am Ende hätte er sich dann rasiert und ein paar Pyramiden gebaut, aber alles unter den gütigen, träumerischen Augen der Riesen-Pinguine. Noch heute – und wie anders wäre alles gekommen, wie anders... Alles wäre uns erspart geblieben, Waldschadensbericht, Chaos in Moskau, Thatcher-Memoiren, alkoholisierte Abiturienten, Mathilde Ludendorff, nein, Dings, Dings – ich komm nicht drauf.

Vorbei.

Sie sind tot. Seit fünfundvierzig Millionen Jahren. Sie haben es nicht gewollt. Jetzt beugen wir uns über ihre erhabenen Knochen und erschrecken.