Von Klaus Günzel

Das enge Gelaß in einem Seitenflügel der Stallburg, die wiederum zum weitgefächerten Gebäudekomplex der Wiener Hofburg gehört, war ein dumpfes Kontor und glich fast noch einer mittelalterlichen Alchimistenküche. Hier entfalteten, sorgsam gegen die Anschläge und Versuchungen der Außenwelt abgeschirmt, unauffällig gekleidete Herren den "ganzen Reichtum der Chemie, Mechanik und Retortenkochkunst", wie es ihnen ein zeitgenössischer Kenner ausdrücklich bescheinigt.

Sie waren mit dem verstohlenen Öffnen und Kopieren der fremden Diplomatenpost beschäftigt, wobei sie sich außerdem auch für die Briefe unbescholtener Wiener Bürger interessierten. Sie arbeiteten eng mit den Beamten der Polizeihofstelle zusammen, die unter der Leitung des Ministers Franz Hager Freiherr von Altensteig stand. Unter seiner ingeniösen Regie hatte sich die österreichische Geheimpolizei zum effizientesten Agentensystem Europas gemausert. War es ein Wunder, daß die Spione der anderen Mächte Stallburg und Polizeihofstelle neidvoll umkreisten?

Die k.k. Geheimpolizei bestand bereits seit den Tagen des Reformkaisers Joseph II., aber erst unter seinem Neffen, dem von Joseph Haydn musikalisch verklärten "guten Kaiser Franz", erfuhr dieses Machtorgan seine Perfektionierung zu einem allumfassenden rigiden Sicherheitsapparat, dessen täglich einlaufende Berichte die geradezu genießerisch betriebene Lektüre des Monarchen waren. So sparsam, ja geizig der Kaiser sonst sein mochte: Nichts war ihm zu teuer, wenn es darum ging, seine Untertanen beschatten oder ausländische Diplomaten observieren zu lassen. Bereits 1805, kurz vor der Schlacht bei Austerlitz, hatte eine Allerhöchste Direktive den Ausbau eines Überwachungssystems befohlen, dem ein berüchtigter Sicherheitsdienstchef unserer Tage wohl hätte zugestehen müssen, daß es "flächendeckend" war.

Zwar besaßen die grauen Trabanten des Kaisers Franz natürlich noch keine Abhörtelephone, "Wanzen" oder Röntgengeräte zum Durchleuchten von Postsendungen, ganz zu schweigen von den modernen elektronischen Kontroll- und Speicherungsmöglichkeiten. Dennoch entwickelten sie eine bis dahin nicht gekannte Virtuosität der Bespitzelung und Konspiration. Wie die späteren Heerscharen Erich Mielkes gingen die Gewährsleute des Barons Hager von einem desolaten Menschenbild aus, das auf bodenlosem Mißtrauen beruhte. Auch begann sich ihre Arbeit, gleich der aller kommenden Spitzelapparate, zunehmend zu verselbständigen – eine Arbeit, die das Füttern des geheimdienstlichen Molochs um seiner selbst willen erheischte und schließlich die politische Rationalität mehr und mehr aus dem Visier verlor.

Die große Stunde der glänzend aufeinander eingeschworenen Späher und Lauscher schlug, als im September 1814 der Wiener Kongreß zusammentrat, der die Beute aus der napoleonischen "Universalmonarchie" verteilen und eine stabile europäische Friedensordnung installieren sollte. An die hunderttausend Personen strömten in die Metropole an der Donau: vom russischen Zaren bis zum sardischen Glücksritter, vom Londoner Bankier bis zur Pariser Halbweltdame, vom römischen Kastraten bis zum ungarischen Magnaten, von den Potentaten und Diplomaten des Abendlandes über Spekulanten, Defraudanten und Komödianten bis hin zu Kurpfuschern, Erfindern, Taschendieben und kuriosen Propheten aller Konfessionen, die das Seelenheil von Kongreßbummlern und Wiener Bürgern im Sinne hatten.

In die Reihen des schier unübersehbaren Ensembles, so gebot es der Kaiser Franz, hatten nun die Vertrauensleute und Konfidenten der Polizeihofstelle auszuschwärmen, wofür der Baron Hager, rechtzeitig vor Beginn des Kongresses, detaillierte Instruktionen erließ.