Von Bernhard Wördehoff

Sein späterer Biograph Harry Graf Kessler sah Walther Rathenau 1919 im Tagebuch kritisch als "Mann der falschen Noten und schiefen Situationen: als Kommunist im Damastsessel, als Neutöner auf der alten Leier. Allerdings ein Virtuose." Im selben Jahr fand auch Thomas Mann seinen Bestseller-Kollegen im S. Fischer Verlag (es war gerade eine fünfbändige Ausgabe von Rathenaus Schriften erschienen) für sein Diarium buchenswert: "Auch ein sonderbarer Heiliger, halb echt, halb falsch, halb rein, halb trüb, aber er plagt sich redlich – um wen stünde es besser?" Immerhin hatte Thomas Mann Gedanken Rathenaus, zu dessen Ärger freilich ohne Quellenangabe, in seinen "Betrachtungen eines Unpolitischen" aufgegriffen und schickte sich nun zum Gesinnungswandel an, der ihn, nicht unbeeinflußt von Rathenau, zum Republikaner und Demokraten machen sollte. Schließlich Robert Musil, der beide Großschriftsteller nicht leiden mochte. In seinem "Mann ohne Eigenschaften" karikiert er in der Figur des Dr. Paul Arnheim, der Kohlenpreis und Seele miteinander zu verbinden wisse, Rathenau bis zur Kenntlichkeit.

Der wäre wohl gern ein ausgeklügelt Buch gewesen. War aber nur ein Mensch in seinem (allerdings oft sehr ausgeprägten) Widerspruch. Darüber hinaus ist in seiner Biographie eine ganze Epoche zu besichtigen: Aufstieg und Fall des wilhelminischen Imperialismus nebst krampfhaft-turbulentem Neubeginn danach.

Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum zu Berlin inszeniert Rathenaus Lebenslauf so eindrucksvoll wie überzeugend als Dokumentarstück, dessen tragischer Schlußakt für den Besucher durch die Wiederkehr des rechten Mordterrors in unseren Tagen einen böse-aktuellen Akzent erhält. "Die Extreme berühren sich", heißt das Leitmotiv. Gemeint sind wohl die Widersprüche, die das Dasein Rathenaus begleitet haben, aber mit Extremen nichts zu tun haben. Eine Erklärung für Rathenaus Besonderheit hat Harry Graf Kessler gegeben. Mit ihr im Sinn wird mancher dieser Widersprüche plausibel. Kessler schreibt in seiner Rathenau-Biographie 1928, die noch immer als nicht übertroffen gilt: "Walther Rathenaus Eigenart, die, Bewegung seines Innenlebens um zwei nicht aufeinander abgestimmte Achsen, dem Willen zu zweckhaftem Schaffen und dem zu weltferner innerer Vertiefung, von denen bald die eine, bald die andere als die Hauptachse erscheint, bildet sich unter den gegensätzlichen Einflüssen des Elternhauses früh aus."

Die Kulissen des ersten Akts der Ausstellung ("Die Mechanisierung der Welt – Emil Rathenau, Walther Rathenau und die AEG") sind die der Gründerzeit, der Industrie, der Maschinenwelt, des zweckhaften Schaffens. Zwischen ihnen wächst der junge Rathenau auf, der den schönen Künsten und weltferner innerer Vertiefung stärker zugetan ist. Aber Walther Rathenau, der gern zeichnet (sein Onkel heißt schließlich Max Liebermann) und dichtet, beides nicht unbegabt, studiert im Blick auf den Vater Naturwissenschaften. Zweiundzwanzig Jahre alt, erwirbt er mit einer Schrift über die "Lichtabsorption der Metalle" seinen Doktortitel und wird bald Unternehmer; nicht minder erfolgreich geraten ihm später auch seine zeitkritischen Bücher und Schriften – am Ende eine stattliche Anzahl, mit dito Auflagen. Hinfort bewegt sich sein Innenleben um die beiden nicht aufeinander abgestimmten Achsen.

Seiner Seelenfreundin Lili Deutsch schickt er den "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz als Interpretationshilfe für sich: "Sie würden sehen, in welcher Gefahr der schwebt, bei dem die Jugend Unterdrückung bedeutet. Aus solchem Labyrinth ins Freie zu finden, ist schwer, fast übermenschlich. Und wem es gelingt, der hat, glaube ich, durch diese Befreiung mehr geleistet als durch alle Wirkung nach außen." In Moritz’ Alter ego Anton Reiser den Sproß der großbürgerlichen und reichen wie arbeitsamen Familie R. wiederzuerkennen fällt schwer. Rathenau aber ist es nicht schwergefallen.

Wie ihm, dem Industriemanager, auch der Entwurf einer künftigen Gegenwelt zur mechanisierten Welt nicht widersinnig war. Die Ausstellung läßt den Übergang von der "Mechanisierung der Welt" ins "Reich der Seele" dann aber doch zu einer kleinen Überraschung werden. Die Welt der Schriftsteller, Künstler und Kunstsammler, die man da betritt, wirkt seltsam wohltuend – wenn sich auch hier neue Widersprüche zeigen. Rathenau hat sich unter den Schriftstellern, von Gerhart Hauptmann bis Frank Wedekind, wie unter seinesgleichen gefühlt. Sein Eintrittsausweis in diese Welt war sein eigenes wachsendes Werk. Viele Künstler, darunter Edvard Munch und Lesser Ury, fanden in ihm nicht nur einen solventen Auftraggeber, sondern auch ein reizvolles "Objekt" für ihre Portraits und Büsten. Das alles ist, nicht zu vergessen die zahlreichen Selbstbildnisse, spannend anzusehen. Aber trotz dieser Ambitionen und obgleich Rathenau selber auch neue Kunst kaufte, so zum ersten Mal schon 1893 in Deutschland ein Bild Edvard Munchs und 1909 von der Berliner Sezession weg ein Bild Max Pechsteins: Seine ästhetischen Maßstäbe setzte ein längst antiquierter preußischer Klassizismus. Nicht nur erwarb er ein Hohenzollernschlößchen diesen Stils in Freienwalde, auch seine von ihm mitentworfene Grunewald-Villa war in solchem Sinne konservativ und alles andere als zeitgemäß.