Von Ulrich Stock

Unsere Verabredung war einigermaßen ungewöhnlich. Ich sollte den Zug nach Stralsund in Ribnitz-Damgarten verlassen, die fünfzig Meter zur Bushaltestelle hinübergehen und im Häuschen dort auf ihn warten. Direkt am Bahnhof hatte er mich nicht abholen wollen, niemand sollte ihn sehen.

Um diese Tageszeit fuhren schon keine Busse mehr; außer mir fror niemand in der schäbigen Baracke, durch die der Wind pfiff. Wie konnte ich sicher sein, daß er wirklich kommen würde? Seit zehn Jahren hatte er nichts von sich sehen oder hören lassen; selbst Transatlantik, das einmal sein Leib- und Magenblatt war, schwieg ihn tot, bis es schließlich selbst eingestellt wurde.

Ein orangeroter Wartburg fuhr langsam auf die Haltestelle. Noch bevor ich im Nieselregen das Gesicht des Fahrers richtig erkennen konnte, hörte ich seine dröhnende Stimme durch die halbgeöffnete Tür: "Steigen Sie ein."

Waldemar Müller! Eine "Ausgeburt der Bundesrepublik" hatte ihn Hans Magnus Enzensberger genannt, einen "Abgeordneten unserer Befürchtungen", schon sein Name sei "eine Zumutung; denn so heißt man einfach nicht".

"Ich will nicht auffallen", sagte Müller, als wir über die schmale Landstraße fuhren. "Der Name eines anständigen Menschen sollte nur zweimal in der Zeitung stehen – wenn er geboren wird und wenn er stirbt."

"Warum sind Sie dann bereit, einen Journalisten zu empfangen?" fragte ich. "Hat es mit Bad Kleinen zu tun?"