Ein Deutscher, wie er im Buche steht – Seite 1

Von Ulrich Stock

Unsere Verabredung war einigermaßen ungewöhnlich. Ich sollte den Zug nach Stralsund in Ribnitz-Damgarten verlassen, die fünfzig Meter zur Bushaltestelle hinübergehen und im Häuschen dort auf ihn warten. Direkt am Bahnhof hatte er mich nicht abholen wollen, niemand sollte ihn sehen.

Um diese Tageszeit fuhren schon keine Busse mehr; außer mir fror niemand in der schäbigen Baracke, durch die der Wind pfiff. Wie konnte ich sicher sein, daß er wirklich kommen würde? Seit zehn Jahren hatte er nichts von sich sehen oder hören lassen; selbst Transatlantik, das einmal sein Leib- und Magenblatt war, schwieg ihn tot, bis es schließlich selbst eingestellt wurde.

Ein orangeroter Wartburg fuhr langsam auf die Haltestelle. Noch bevor ich im Nieselregen das Gesicht des Fahrers richtig erkennen konnte, hörte ich seine dröhnende Stimme durch die halbgeöffnete Tür: "Steigen Sie ein."

Waldemar Müller! Eine "Ausgeburt der Bundesrepublik" hatte ihn Hans Magnus Enzensberger genannt, einen "Abgeordneten unserer Befürchtungen", schon sein Name sei "eine Zumutung; denn so heißt man einfach nicht".

"Ich will nicht auffallen", sagte Müller, als wir über die schmale Landstraße fuhren. "Der Name eines anständigen Menschen sollte nur zweimal in der Zeitung stehen – wenn er geboren wird und wenn er stirbt."

"Warum sind Sie dann bereit, einen Journalisten zu empfangen?" fragte ich. "Hat es mit Bad Kleinen zu tun?"

Ein Deutscher, wie er im Buche steht – Seite 2

Er zuckte zusammen. Bad Kleinen ist nicht weit von Ribnitz, und ein anständiger Mensch scheut nicht nur Zeitungen, sondern auch jede Nähe zum Terrorismus. Wie sehr mußte es Waldemar Müller immer noch bedrücken, mehr als einmal öffentlich von Horst Mahler als "Freund und Ausbilder" bezeichnet worden zu sein. Bloß weil Müller damals in Berlin als Referatsleiter der Tiefbau AG von seinem Chef gezwungen worden war, den Freigänger Horst Mahler im Archiv zu beschäftigen. "Es handelt sich natürlich nur pro forma um eine Ausbildung. Wir wollen aus dem Horst doch keinen Aktenhund machen, oder?" hatte sein Chef, ein Schulfreund des Terroristen, damals gesagt. Waldemar Müller verstand: Wie er, Müller, sollte der, Mahler, nicht werden.

Inzwischen hatten wir die Ostsee erreicht. Wie ein flaches, helles Band zog sie sich am Horizont entlang. Wustrow, Niehagen, Althagen hießen die kleinen Siedlungen, die an uns vorbeizogen; niemand kam uns entgegen. "Leben Sie wieder im Osten?" fragte ich.

"Wir hatten vereinbart, nicht darüber zu sprechen", sagte er.

"Sie müssen nicht antworten", sagte ich, "aber sie waren selber mal Journalist."

Seine Miene verzog sich. "Bis auf die Haut durchnäßt, erwartete ich den Kanzler! Auf dem Summit in Venedig. Es goß in Strömen, und ich hatte nicht die richtige Pressekarte. ‚Der Lagunen-Gipfel‘ hieß mein Bericht. Dafür bin ich beinah rausgeflogen."

"Weil nur die Überschrift von Ihnen war und Sie einfach den Vorjahresbericht Ihres Chefredakteurs abgeschrieben hatten, vom Gipfel in Tokio!"

"Ich war müde", verteidigte er sich. Rechter Hand tauchte ein hellerleuchtetes Haus aus dem Dunkel der Straße auf. Waldemar Müller parkte den Wagen zwischen zwei Bäumen, dann gingen wir die kleine Anhöhe hinauf. "Café Namenlos" stand an der Tür.

Ein Deutscher, wie er im Buche steht – Seite 3

Waldemar Müller bestellte sich einen Thüringer Obstkuchen. Ich spürte, wie sehr er an die Blaubeeren, Kirschen und Pflaumen, an die mit Rosinen und Rum gekrönte Creme aus Eigelb und Sahne dachte ... "Haben wir nicht", beschied ihn die Bedienung. Mürrisch nahm er einen Kaffee.

Bier verabscheute er, seit er – vielleicht die folgenschwerste Episode seines Lebens – als Angestellter der Frankfurter Werbeagentur McKay & Lennhardt die "Rheingold"-Krise ausgelöst hatte, die weltweit Schlagzeilen machte. Der japanische MegaMinushi-Konzern, spezialisiert eigentlich auf Fahrzeuge, Kameras und Hi-Fi-Geräte, hatte, um sich zu diversifizieren, Weinpulver auf den westdeutschen Markt bringen wollen. In Wasser aufgelöst, ergab es eine bräunliche Flüssigkeit, die man permanent umrühren mußte, damit sie sich nicht wie ein trüber Joghurt auf dem Boden des Glases niederschlug. Müller war verzweifelt: Selbst als "Goldener September" wäre der Instantwein kaum zu verkaufen gewesen. Sein Freund Willi Hohnemeyer, ein Kölscher Karnevalist alter Schule, brachte ihn auf die Idee, das Pulver mit Bier zu vermengen. Was dabei herauskam, war ein Wunder. Die Flüssigkeit war nicht mehr braun, nicht mehr trüb, sie glänzte. Sie sah wie pures Gold aus: "Rheingold" war geboren.

Erst Wochen nach der erfolgreichen Einführung in Japan stellte sich heraus, daß der "himmlische Geschmack" (McKay & Lennhardt) in einen "bestialischen Gestank" (Asahi Shimbun) des Konsumenten umschlug. Das Getränk wurde verboten. Der zwölfköpfige Mega-Minushi-Vorstand übernahm in einem kollektiven Harakiri die Verantwortung; Müllers Werbekarriere war jäh beendet.

Als ob er meine Gedanken erraten hätte, blickte Waldemar Müller von seinem Kaffee auf. "Mein Leben ist abwechslungsreich gewesen, aber es bestand nur aus Rückschlägen."

Er schnippte das Papier seiner Zuckerwürfel in den Aschenbecher.

"Auch meine sogenannte Flucht aus Thüringen damals, mit dem Heißluftballon bei Saalfeld über die DDR-Grenze... Es war Nacht, ich kam zufällig vorbei, sah den Ballon, der sich losgerissen hatte, wollte ihn festhalten, damit er nicht wegweht, und das Ding reißt mich mit."

Über Stacheldraht und Minen hatte es ihn hingetragen, die Schüsse der Grenztruppen verfehlten ihn knapp. Als er landete, hatten seine Hilfeschreie schon viele Neugierige zusammengerufen. "Willkommen im freien Teil Deutschlands", skandierten sie. "Es ist alles ein Irrtum", erwiderte er – vergeblich.

Ein Deutscher, wie er im Buche steht – Seite 4

Waldemar Müller blickte aufgewühlt in seine leere Kaffeetasse. "Wie oft bin ich im Westen verhört worden: ‚Warum geben Sie nicht zu, daß Sie geflüchtet sind?‘ Ich fühlte mich wie Rudolf Heß."

"Sie haben es dann lange vermieden, von der DDR zu sprechen. Dort, woher ich komme war Ihre berühmte Formulierung. Der Sozialismus sei in Ihrer Heimat überhaupt kein Problem, haben Sie der Tagesschau und auch dem Fuldaer Anzeiger gesagt; Sie hätten selbst nie einen Sozialisten getroffen."

"Ja, stimmte das denn nicht?" Noch nach all den Jahren, hier in dieser befreiten Ostsee-Gaststätte, suchte er die Bestätigung, die ihm immer und immer wieder verweigert worden war.

"Ich mußte meinen Lebensunterhalt im Westen zunächst mit Kaffeefahrten bestreiten. In 32 Tagen 23 Kaffeefahrten, 3852 Teilnehmer, 9318 zurückgelegte Kilometer, zusammen die Distanz Saalfeld-Hongkong. Und auf jeder Kaffeefahrt ein Ballonflug. Alle wollten sehen, wie ich es gemacht hatte. Auf meine Worte – Keine andere Republik ist so deutsch wie die DDR! – wollte niemand hören."

"Bis Sie zurückgeflogen sind!"

"Ich wollte zurückfliegen, aber in Worpswede versagte mein Ballon. Da bin ich aus dem Fenster gesprungen, weil ich glaubte, es ginge auch so."

Waldemar Müller sprang so unvermittelt auf, wie er damals abgestürzt war. "Zahlen, bitte!" rief er. "Ich bringe Sie jetzt zurück nach Ribnitz."

Ein Deutscher, wie er im Buche steht – Seite 5

"Schade", erwiderte ich, "es gäbe noch so viel zu bereden. Zum Beispiel, wie Sie in Ihrer Frankfurter Zeit als Radikalökologe den Grünen beitraten, weil die Schnellbahntrasse Hamburg-Genua durch Ihren Garten verlaufen sollte, und Sie schließlich sogar bei Rudolf Bahro im Wohnzimmer saßen..."

"Er hörte die alten Arbeiterlieder auf einem nagelneuen Hi-Fi-Turm!"

"Oder wie Sie Pfarrer in Obernstadt am Neckar waren und Ihrem früheren Dekan einen Golf nach Eisenach schickten, und er hat Ihnen im Gegenzug einen nilgrünen Wartburg geschenkt..."

"Den Wagen habe ich umspritzen lassen. Aber nun kommen Sie, bitte!"

Wir stiegen in den leuchtenden Wartburg und fuhren schweigend nach Ribnitz. "Gestatten Sie mir eine letzte Frage", sagte ich beim Aussteigen, "warum wollten Sie mich treffen, wenn Sie doch nicht reden wollen?"

Waldemar Müller griff wortlos unter den Fahrersitz und zog ein orangerotes Buch hervor. Er hielt es mir unter die Nase. Es roch druckfrisch. "Waldemar Müller" hieß es einfach, "ein deutsches Schicksal". Bei Eichborn in der Anderen Bibliothek erschienen, Autor ein gewisser Gaston Salvatore. Ich blätterte darin. Als ich wieder aufsah, war der Wartburg spurlos verschwunden.