Er zuckte zusammen. Bad Kleinen ist nicht weit von Ribnitz, und ein anständiger Mensch scheut nicht nur Zeitungen, sondern auch jede Nähe zum Terrorismus. Wie sehr mußte es Waldemar Müller immer noch bedrücken, mehr als einmal öffentlich von Horst Mahler als "Freund und Ausbilder" bezeichnet worden zu sein. Bloß weil Müller damals in Berlin als Referatsleiter der Tiefbau AG von seinem Chef gezwungen worden war, den Freigänger Horst Mahler im Archiv zu beschäftigen. "Es handelt sich natürlich nur pro forma um eine Ausbildung. Wir wollen aus dem Horst doch keinen Aktenhund machen, oder?" hatte sein Chef, ein Schulfreund des Terroristen, damals gesagt. Waldemar Müller verstand: Wie er, Müller, sollte der, Mahler, nicht werden.

Inzwischen hatten wir die Ostsee erreicht. Wie ein flaches, helles Band zog sie sich am Horizont entlang. Wustrow, Niehagen, Althagen hießen die kleinen Siedlungen, die an uns vorbeizogen; niemand kam uns entgegen. "Leben Sie wieder im Osten?" fragte ich.

"Wir hatten vereinbart, nicht darüber zu sprechen", sagte er.

"Sie müssen nicht antworten", sagte ich, "aber sie waren selber mal Journalist."

Seine Miene verzog sich. "Bis auf die Haut durchnäßt, erwartete ich den Kanzler! Auf dem Summit in Venedig. Es goß in Strömen, und ich hatte nicht die richtige Pressekarte. ‚Der Lagunen-Gipfel‘ hieß mein Bericht. Dafür bin ich beinah rausgeflogen."

"Weil nur die Überschrift von Ihnen war und Sie einfach den Vorjahresbericht Ihres Chefredakteurs abgeschrieben hatten, vom Gipfel in Tokio!"

"Ich war müde", verteidigte er sich. Rechter Hand tauchte ein hellerleuchtetes Haus aus dem Dunkel der Straße auf. Waldemar Müller parkte den Wagen zwischen zwei Bäumen, dann gingen wir die kleine Anhöhe hinauf. "Café Namenlos" stand an der Tür.